Ich suche in Amerika kein Eldorado und weiß, welche Entbehrungen und Schwierigkeiten meiner harren, nachdem ich mich entschlossen, die Wilden der Urwälder aufzusuchen, unter denselben als Vorarbeiter und Gehülfe der Missionäre zu wirken und an ihnen gut zu machen, was ich an Andern gesündiget.

Doch ich will Deinen Wunsch erfüllen, theuerster Bruder und Dir Näheres von meinem Zuchthausleben erzählen, namentlich insofern dasselbe zu meiner sittlich-religiösen Wiedergeburt beitrug.

Es war im Spätjahr 1847. Ich wußte genauer als mancher Andere, daß Frankreich am Vorabend einer Revolution stehe. Daß dieselbe jedoch schon im Februar 1848 losbrechen und nicht nur die Julimonarchie stürzen, sondern die Monarchie überhaupt zertrümmern und Sozialisten zu Führern Frankreichs machen würde, das ahnte ich nicht, weil es meine kühnsten Hoffnungen überflügelte.

Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, so würde ich die geheime Mission nach Deutschland nicht übernommen, eine verhängnißvolle Brieftasche mit Banknoten nicht—gefunden und das Inwendige des Zuchthauses wohl nimmermehr gesehen haben.

Ich lag im Gefängniß, als die Februartage kamen. Sie machten mich rasend; ich konnte Tag und Nacht keine Ruhe finden und wundere mich nur, daß ich nicht geisteskrank wurde. An Fluchtversuche dachte ich nicht, weil ich stündlich Befreiung auf andere Weise hoffte und erwartete und als diese ausblieb, hatte ich es durch meine Reden und mein Benehmen dahin gebracht, daß man ein scharfes Auge auf mich bekam und mich in ein besser verwahrtes Gemach brachte, wo ich einsame Stunden fieberhafter Spannung verlebte.

Es war zu erwarten, daß Berlin ein bischen Prosit rufe, wenn Paris nieße, aber daß Berlin Prosit schreie und die gute alte Stadt Wien zum "Paris in Knabenschuhen" würde, hattte [hatte] ich auch nicht geahnt und als es dennoch so kam, verwünschte ich bereits im Sträflingskittel das Mißgeschick, welches langjährige Hoffnungen verhöhnte, indem es mich, den Sohn der Freiheit und Soldaten der Revolution zu einem Staatssklaven und Opfer tödlich verachteter und gehaßter Gesetze machte. Das Ärgste war, daß ich keineswegs umstrahlt von der Glorie eines politischen Märtyrers, sondern in der Eigenschaft eines gemeinen Spitzbuben in die Strafanstalt trat und hier zum Ueberfluß noch Leute fand, welche mich früher und leider nicht auf vorteilhafte Weise kennen gelernt.

Beamte und Aufseher behandelten mich gleich jedem Andern; ich fühlte, daß gleiche Behandlung Aller große Ungleichheiten zur Folge habe, sogar das Beisammensein mit Dieben empörte meinen Stolz und ich that Alles, um mich bei den Bessern der Sträflingsbevölkerung in Ansehen zu setzen. Doch ein alter, einäugiger durchtriebener Gauner, mit welchem ich früher einmal im Amtsgefängnisse zu N. gesessen, redete zu meinen Gunsten in einer Weise, welche mir die Achtung der Bessern verscherzen mußte und eine Mißgestalt von Bauernknecht, welchen ich in demselben Amtsgefängniß gewissenlos um seine Ersparnisse gebracht und der nunmehr wieder unter Einem Dache mit mir lebte, erzählte Alles, was er Schlimmes von mir wußte.

Draußen Revolution, der Kanonendonner und Freudenjubel der großen Zukunft, in der Strafanstalt elende Handarbeit, schmale Kost und schlechter Trunk, dabei noch Verachtung von Seite vieler Mitgefangenen, welche mich gerade deßhalb um so herber drückte, weil sie von Sträflingen kam—wie zermalmte mich solche Verschärfung meiner Strafe!

Der Gedanke, daß ich von meinen Freunden außerhalb der Gefängnißmauern verlassen und vergessen sei, beunruhigte mich so sehr als die Ungewißheit über die Lage der Dinge und ich glaube ich hätte damals einen Finger für eine Nummer der Augsburger Allgemeinen Zeitung gegeben.

Die verworrenen und sich widersprechenden Gerüchte, welche durch Plaudereien der Zuchtmeister, Schildwachen, Besuche und neu eintretenden Sträflinge verbreitet wurden, dienten im Ganzen nur dazu, meine Neugierde zu erhöhen, die Qual der Ungewißheit bis zur Verzweiflung zu steigern und meine Ansichten über die Ereignisse vollständig zu verwirren.