Ich wollte beten, aber ich betete nur diese vier Worte, schlief endlich ein und als ich spät in der Nacht aufwachte, mahnte mich die Dunkelheit im Gemache an die Dunkelheit meines Lebens und meiner Lage.

Drüben in der Stube des Krankenwärters schlug die Wanduhr langsam und schwermüthig die zehnte Stunde. Dies war die Zeit, in welcher unsere Eltern auch von mir allabendlich den Gutenachtkuß erhielten und gaben.

Ich gedachte der Wonnetage unserer Kindheit, der Leidensnächte, welche ich mir und Euch bereitet, der zahllosen Beleidigungen und Frevel, welche ich gegen Ihn verübt, der mich verlassen und der Finsterniß, welche in mir viele Jahre geherrscht.

Das tiefe Schweigen der Nacht redete furchtbarer als je zu meinem Herzen, der Nachbar im Nebenzimmer war heute verschieden, ich glaubte ihn jeden Augenblick zur Thüre hereintreten, mich mit glanzlosen Augen und dem haarsträubenden Gesichtsausdrucke dessen, der die Ewigkeit mit ihren Schrecken erblickt, betrachten zu sehen und zu hören, wie er vom Jenseits redete. Diese Vorstellungen wurden immer lebhafter, kalter Schweiß überrieselte mich; ich wollte rufen, aber die Stimme versagte, vergeblich schloß ich die Augen und steckte den Kopf unter die Decke—immer sah ich den gräßlichen Boten der Ewigkeit vor mir, sah trotz der Decke und Dunkelheit, wie das Gemach sich mit Verstorbenen anfüllte, ich glaubte zu ersticken und war nicht im Stande ein Glied zu rühren. Ich sah den Vater, die Mutter, sie betrachteten mich mit Augen, in denen mein Verdammungsurtheil stand, verstorbene Freunde, die mich anstierten, Kameraden, welche den arabischen Sand mit ihrem Blute getränkt und mit denen ich so Vieles gesündiget und hinter ihnen eine gräßliche Gestalt, die mir zuwinkte und verschwand. An ihrer Stelle stand eine Lichtgestalt, der Glanz, der von ihr ausströmte, verklärte Alles ringsum. Leise, dann lauter, bald feierlich und majestätisch, bald weich und milde ertönten die Worte vielstimmig in Einem fort:

Die Dunkelheit der Leidensnächte Verwandelt Er in Wonnetage!

Das Geschrei der Schildwachen weckte mich aus einem Zustande, der mir den Zustand der Verdammten und der Seligen geoffenbart. Hatte ich geträumt? War Alles Alpdrücken? Spiel der erhitzten Einbildungskraft? Ich weiß es nicht, doch das weiß ich, daß ich ganz anders als früher betete und augenblickliche Buße, den Beginn eines neuen Lebens gelobte und meine Seele ihrem lange genug verkannten Erlöser empfahl. Gebet und Gelübde verliehen mir wunderbaren Trost und eine Freudigkeit des Geistes, wie ich dieselbe noch niemals empfunden.

Der Krankenwärter trat herein, um nach mir zu schauen. Er versicherte, daß ich lange und laut geredet. Auf meine Bitte zündete er ein Licht an und holte ein Gebetbuch, um Etwas vorzulesen. War es Fügung oder Zufall, daß er gerade das Gedicht des heiligen Bernhard:

Jesu, dein süß Gedächtnis macht, Daß mir das Herz vor Freuden lacht!

ein Gedicht, dessen unbeschreibliche Innigkeit und göttliche Liebe nur ein gläubiger Christ vollkommen erfaßt, aufschlug? Er mußte es mehrmals wiederholen und ich schämte mich der heißen, ebenso schmerzlichen als süßen Thränen nicht, welche es mir auspreßte.

Der Krankenwärter ging. Doch blieb ich nicht allein—mein Schutzgeist, mein Erlöser befanden sich bei mir und vernahmen von meiner Reue und Liebe Alles, was die Verwandlung der Leidensnächte in Wonnetage mir gegeben. Nach einem erquickenden Schlummer wachte ich auf, als die milden Sonnenstrahlen eines schönen Herbsttages bereits in mein Gemach spielten. Den ganzen Tag verwendete ich zur ernsten Gewissenserforschung, gegen Abend legte ich meine Generalbeichte ab und empfing wohl zum erstenmale würdig den Leib Jesu Christi. Wer gegen die Ohrenbeichte der Kirche auftritt, zeigt damit nur, daß er noch nie recht beichtete und wer im heiligen Abendmahl etwas Anderes als den verwandelten Christus findet, beweist, daß das innerste Wesen des Christenthums, das Liebesverhältniß der Menschenseele zu Gott, ihm noch nicht recht aufgegangen ist.