Ich dachte nach über mich und mein Schicksal. Es däuchte mir, als ob ich mich selbst bisher arg gehaßt und Alles gethan habe, um mir mein erlebtes Schicksal zu bereiten. Je mehr ich an mich selbst und meine Fehler dachte, desto mehr wurde ich geneigt, die Fehler Anderer in milderm Lichte zu sehen.—
Eine Unvorsichtigkeit rief einen Rückfall meiner Krankheit hervor und der Tod trat mir wiederum nahe. Ich zitterte nicht vor ihm, doch wünschte ich meine Erhaltung, weil ich so Vieles noch auf Erden gut zu machen und eine Ahnung künftigen Glückes mein ganzes Wesen durchklungen hatte. Zum zweitenmal wurde ich gerettet, doch wohl nur deßhalb, weil ich vor dem Rückfall in meiner Genesung ziemlich weit vorgeschritten war.
Wiederum dachte ich über mich und mein Schicksal nach, wiederum war mir das Zeitliche gleichgültig und ich beschäftigte mich gerne mit den Zuständen des Jenseits, dem ich näher als Andere gestanden, wiederum wirkten Besuche und das Vorlesen meines Wärters vorteilhaft auf mich ein.
Ich wünschte lebhaft ein anderer Mensch zu werden und zum lebendigen Glauben an Christum den Gottessohn, diesen süßen, beseligenden Glauben, zu gelangen. Es dauerte lange, bis ich mich dazu entschloß, Gott nicht nur um den Glauben zu bitten, sondern mich Ihm in in [in] einer Generalbeichte einmal ganz und unbedingt zu Füßen zu werfen.
Ein Sonntagnachmittag besiegte meine letzten Bedenklichkeiten; ich werde diesen und die darauf folgende Nacht nicht vergessen haben, wenn unsere Gebeine längst vermodert sind und wir zusammen dort leben, wo der Mensch den ganzen Plan und Gang seines Geschickes von der ersten Minute seines Daseins bis zur letzten erschaut.
Der Himmel schaute trüb zum Fenster herein, die nahen Hügel im Schmucke des Winters mahnten an Tod und kalte Nächte. Alle, die mich besucht hatten, waren ernst und einsilbig geblieben, ein Gedanke von Verlassenheit, wie ihn ein Sterbender in meiner Lage haben kann, durchklang meine Seele. Die Gefangenen sangen die Vesper. Die halb verlornen Töne der Orgel, die Stimmen der Singenden hatten etwas Tiefergreifendes, Wehmüthiges, Trauriges. Ich vermeinte meinen Leichengesang bei lebendigem Leibe zu vernehmen, ein herzzerreißendes wehmüthiges Klagelied über mein verfehltes Leben. Ich betete und glaubte zu fühlen, wie der Tod näher zu meinem Herzen heransteige, faltete unwillkürlich die Hände und betete.
Jetzt wurde ein anderer Psalm angestimmt, deutlich vernahm ich aus allen Stimmen heraus einen durchdringenden Tenor, der die Worte sang:
Die Dunkelheit der Leidensnächte Verwandelt Er in Wonnetage!—
Dieser Vers bohrte sich mit unwiderstehlicher Macht in mein Gedächtniß; ich mußte ihn stets wiederholen und so oft ich beschloß, denselben zu vergessen, hatte ich ihn wieder gedacht oder sogar gemurmelt. Es lag etwas Wunderbares in den einfachen, von mir schon so oft gehörten und niemals besonders beachteten Worten.
Finsterniß—Leidensnächte—Er—Wonnetage!—an diese vier Worte knüpfte sich eine lange Kette von Gedanken, es schien mir, als ob Gott selbst zum Troste sie mir zugerufen.