Ich kam in eine Krankenzelle, welche sich von den gewöhnlichen Zellen fast nur durch die größere Bequemlichkeit und vor Allem durch eine wahrhaft christliche Behandlung unterscheidet, deren man darin genießt. Nur dunkel entsinne ich mich, wie ich später in den Krankenstock hinabgetragen wurde, wo sich die Schwerkranken befinden.

Bienen, Rosenkäfer und buntfarbige Schmetterlinge gaukelten lustig um duftende Rosenhecken und prächtige Blumenketten des Citysus im heimelig stillen Zuchthausgarten und die Schwalben äzten ihre Brut, als meine Krankheit sich mit unerträglichem Kopfschmerz und galoppirendem Pulsschlage einstellte. Der Wind trieb aber die letzten falben Blätter von den Bäumen, der Sängerlärm im nahen Schloßgarten war verstummt und die unvermeidlichen Spatzen zankten sich um verlassene warme Rester [Nester] unter den Dächern des vierten Flügels, als ich zu neuem Dasein erwachte und mich täglich etwas länger in der Kunst des Stehens und Gehens einüben durfte.

Ich vermeinte kein Gefangener mehr zu sein, denn ich wohnte in einem hohen, anständig eingerichteten Gemache mit großem Fenster ohne Eisengitter und nur der verbleichte Uniformsrock der Krankenwärter und noch mehr das unmenschliche und unnöthige Gebrülle der meisten Wachen auf der Ringmauer mahnte mich daran, daß ich noch Gefangener sei.

Der Krankenwärter besaß mehr Einsicht und Bildung als Leute seiner Art gemeiniglich zu haben pflegen. Er nährte meinen aufwachenden Verstand, während sein Gehülfe, ein etwas kurz und uneben gerathener Bursche mit koketten Löcklein und zahmen Blauaugen den Magen versorgte.

Ein dicker, stattlicher, herzensguter Mann, der dröhnenden Schrittes durch die Gänge und täglich lieber in mein Gemach stieg, zeigte sich bereit, mir Alles zu enthüllen, was von Adams Zeit bis zu meiner Genesung über und unter dem Monde vorgefallen war, insofern es sich nur mit der Hausordnung vertrug. Der Arzt selbst besuchte mich täglich zwei bis dreimal, der Widerwille, den ich früher gegen ihn als den "Knecht einer verrotteten Regierung" so gut als gegen andere Besucher empfunden, war wie weggeblasen. Er hatte mein Leben retten helfen und ich fühlte, daß ich das Leben wiederum liebte, denn als der Mann mit dem dröhnenden Schritte mir scherzend einen amerikanischen Strick in Aussicht stellte, schauderte ich unwillkürlich zusammen.

Täglich kam der vortreffliche Hausgeistliche zu mir und jeder Besuch machte mir denselben theurer. Durch maßlosen Hochmuth, ungeschickte Heuchelei und arge Verstocktheit hatte ich ihn oft betrübt. Seine Freude, mich gelassen und ruhig zu finden, war jetzt um so größer, denn er hatte alle Hoffnung aufgegeben, mich gründlich zu bekehren und gehörte zu jenen Wenigen, denen die Aufrichtung Eines Gefallenen in der That mehr gilt, als die Erhaltung von zehn Nichtgefallenen, bei denen die Gefahr des Fallens vorüber ist.

Der alte wüste Ichmensch schien wirklich absterben, ich neugeboren werden zu wollen. Die Krankheit hatte meine leibliche Kraft gebrochen, sie erstarkte allmählig, doch den alten Menschen konnte und Sollte ich nicht wieder erstarken lassen. Schon vor der Krankheit hatte ich so oft gewünscht, wiederum ein Kind zu sein und mein Leben von vorn anfangen zu können. Nunmehr war ich ein Kind und beschloß ein anderes Leben anzufangen, obwohl meine Seelenstimmung jetzt noch mehr Folge der allgemeinen Schwäche und mein Glaube an Christum, den Sohn Gottes und dessen Weltkirche noch kein felsenfester war.

Mit der Kraftlosigkeit eines Kindes verband sich bei mir auch die Weisheit und Leichtbestimmbarkeit eines Kindes. Liebe zieht den Menschen groß; die Liebe von Solchen, denen ich niemals Gutes erwiesen und oft genug Arges gesagt und gewünscht hatte, verhalf mir zu meiner leiblichen und geistigen Genesung.

Lange, einsame Spätjahrnächte gaben mir Muße zum reifen Nachdenken. Wenn der Sturm um das Haus heult und der Regen an die Fensterscheiben schlägt, dann fühlt sich der Mensch, dem nicht das Glück geworden, Gatte und Vater zu sein, einsam und keine trauliche Umgebung hält ihn von Betrachtungen ab, welche mit den Stürmen oder der Eintönigkeit der Außenwelt harmoniren. Und ich, ein gemeiner, kranker Verbrecher, ein Gefangener, der nach einem an verfehlten Bestrebungen und Thaten reichen Leben anfängt, ernsthaft in sich zu blicken, dem der Tod nahe gestanden und Gott neues Leben geschenkt, er sollte sich keinen ernsten und schwermüthigen Betrachtungen hingeben?—

Lange, einsame Spätjahrnächte hindurch überlegte ich namentlich auch, was ich denn wisse und verstehe und der Menschheit bisher nützte. Arm, krank, ohne Zweck und ohne Mittel lag ich als unwissender Mensch und Feind der Menschheit im Krankenzimmer eines Zuchthauses, ein Mann reif an Jahren, leer an ersprießlichen Thaten und—doch Bruder, theuerster Bruder, erlasse mir meine damaligen Stunden zu schildern. Nach langer, langer Zeit zum erstenmal weinte ich keine Thränen der Wuth, sondern lindernde schmerzstillende Thränen, weinte nicht über Andere, sondern über mich, versuchte zu beten, stammelte zuweilen ein Vaterunser, dasselbe Vaterunser, welches mich und Dich unsere theure, von mir so tiefgekränkte Mutter gelehrt hatte.