Ich that furchtbare Schwüre, daß meine Hand verdorren und mein Auge erblinden möge, wenn ich jemals wiederum eine Feder anrühre, um ein Gnadengeheul zu componiren. Der Schwur ward gehalten, nicht weil mein Hochmuth stark, sondern weil der Schwur Schwur blieb.

Alle Ruhe und Mannhaftigkeit, alle Versöhnlichkeit und Unpartheilichkeit waren aufs neue verloren. Selbst gegen meine Besucher konnte ich mehr als mürrisch und grob sein, denn ich hatte die Vornehmsten in Verdacht, daß sie meine Befreiung nicht bevorwortet, sondern hintertrieben hätten, während sie mir ins Gesicht Güte und Menschenfreundlichkeit logen und es gab Stunden, wo die innere Aufgeregtheit mich alle Klugheit und Mäßigung vergessen ließen.

Meine religiösen und geschichtlichen Betrachtungen, die Vergleiche der verschiedenen Systeme sozialistischer Träumer hörten auf, ich war zu unruhig, um lesen zu können und nur die "Rothen Lieder" gediehen.

Sie lullten mich in die Ruhe stiller Verzweiflung und stumpfer Gleichgültigkeit, indem ich durch sie meinen Schmerz und Ingrimm gegen Gott, Welt und mein Geschick aus mir herausarbeitete; aber wenn ich bedachte, weßhalb ich bestraft worden und wer mich in Gewalt hatte oder auf die lange trostlose Reihe der Kerkernächte zurück oder vorwärts blickte, dann hatte die trügerische Ruhe des Fatalisten, in welche ich mich hineinzuzwingen versuchte, ein Ende.

Nur ein gemeiner Verbrecher in der Zelle erfährt, was es heißt, die Hölle im Busen tragen und die Sehnsucht nach Glück sterben lassen. Es gab Augenblicke, wo ich auf die Knie stürzte und die unbekannten Mächte, welche ihr grausames Spiel mit mir trieben, um Erbarmen anflehte. Im nächsten Augenblicke stand ich auf, lachte voll ingrimmigen Hohns und rief den Teufel an, mir die Freiheit, Ruhe, Untergang im Genuß oder auch die Hölle zu verschaffen. In der Hölle ein ganzer Teufel zu sein, ewig Gott zu lästern und zu höhnen, in diesem entsetzlichen Gedanken lag für mich in meinen ärgsten Stunden eine Art Wollust. Ich wünschte, daß es einen Gott, einen persönlichen Gott geben möge, damit ich ein rechter Teufel sein könne. Wer gab ihm das Recht, mich auf diese Welt zu setzen? Aus einem glücklichen Nichts ein unglückliches Etwas zu machen? Weßhalb verfolgte Er mich seit vielen Jahren? Warum ließ er mich leben, da ich doch sterben wollte?—

Ja, wollte, theuerster Bruder! Schaudere nicht vor mir zurück, ich kannte und besaß mich selbst damals nicht mehr, ein Dämon lebte und regierte in mir, denn lange hatte ich der Hölle willenlos gedient und war in der Zelle bereits in Gefahr gerathen, ihr ungetreu zu werden!—

Ich wollte mich erstechen und schliff mein stumpfes Messer mit unsäglicher Mühe scharf und spitz. Aber ich besaß den Muth nicht dazu. Sage Keiner ein Selbstmörder sei ein Feigling, es ist nicht wahr, zum Selbstmorde gehört ein Muth, welcher den Selbsterhaltungstrieb und die Ewigkeit verhöhnt. Ein Aufseher entdeckte das Messer, nahm es weg und mehr als je fand ich mich beargwohnt und beobachtet. Ich betrachtete stundenlang meinen Kleiderrechen und dachte daran, mich zu hängen.

Allein das Hängen hat namentlich für einen alten Soldaten etwas Widerliches an sich, vielleicht weil es die leichteste oder doch angenehmste Todesart sein soll. Zudem konnte ich zu früh entdeckt, abgeschnitten und gerettet werden. Noch meine Todesgedanken waren von der Eitelkeit beherrscht; ich glaubte die herabsetzenden Redensarten derer, die meinen Leichnam auszogen, zu hören und der Gedanke, von gleichgültig lachenden Studenten zerschnitten zu werden, erregte mir ein widerliches, grauenhaftes Gefühl.

Die Hölle ließ mich auf eine Todesart verfallen, deren Namen ich nicht nennen mag; sie beseitigt den Schein des Selbstmordes und führt Annehmlichkeiten mit sich, welche die des Hängens durch Dauer weit überbieten. Um die Scheu vor der Anatomie zu beseitigen, wollte ich zuerst von meinem Gutmachgeld das Doppelte des Werthes meines Leichnams—ein menschlicher Leichnam gilt in B. 10 Gulden—an Jemanden außerhalb des Gefängnisses senden und es dahin bringen, daß dieser Jemand nach meinem Tode das Geld in die Anstalt brachte und die Beamten dadurch veranlaßte, meinen Leichnam nicht den Studenten zu schicken, sondern in B. begraben zu lassen.

Diesen Jemand hatte ich noch nicht gefunden, als ich in eine schwere Krankheit verfiel.