Je besser ich erkannte, daß ich trotz allen Erinnerungen aus dem Katechismus und an Predigten von meiner Religion bereits so wenig als ein Heide verstünde, desto mehr stiegen Interesse und Eifer mich zu unterrichten. Bald machte ich Auszüge aus guten Schriften und zuletzt eigene Aufsätze, um mich im Denken zu üben.
Gleichzeitig las ich geschichtliche Werke und begann an dem Ikarien, in welches ich mich ganz und gar festgerannt hatte, irre zu werden.
Je mehr ich las und dachte, desto mehr wich der Fanatismus des Unglaubens. Ich lernte die Ruhe des Denkers kennen und wenn dieselbe auch noch lange nicht die Ruhe des Christen ist, so bleibt sie doch ein Durchgangspunkt, um zu derselben zu gelangen.—
Jetzt ist es mir klar, daß Gott mich ins Zuchthaus führte und daß die Zuchthausstrafe der Rettungsversuch war, welchen Er mit mir anstellte, damit meine Seele nicht ewig verloren gehe.
Er handelte an mir wie ein geschickter Arzt, welcher kein Sengen, Brennen und Schneiden scheut, wenn es dem Kranken nützt, ich dagegen lange genug wie ein in Fieberwahn Daliegender, der von keinem rettenden Arzte wissen will und um so heftiger nach demselben schlägt, je näher er ihm tritt.
Er züchtigte mich mit der einen und hielt mich mit der andern Hand.
Du weißt bereits auf welche Weise Er meine Zuchthausstrafe verschärfte. Unter Sträflingen wäre ich niemals so weit gekommen, Geschmack an religiösen Schriften zu finden. Seitdem ich einsam lebte und gar nichts mehr vom Leben und Treiben der Welt erfuhr, war ich allmälig im Stande Schriften zu lesen, deren Inhalt meinen Ansichten schnurstracks widersprach und der Mangel an Zerstreuung zwang mich, die Gründe der Verfasser zu prüfen.
Gleichzeitig gewann die Einsicht, daß ich durch unverständiges Benehmen meine Lage nur verschlimmere, Uebermacht über die Leidenschaftlichkeit meines Herzens und meinem anständigern, würdigerem Benehmen gegen Besucher entsprach eine freundlichere, gütigere Behandlung von ihrer Seite.
In B. dauert das Jahr nur 8 Monate. Die Hälfte meiner Strafe war überstanden, laut der Hausordnung konnte ich um Begnadigung bitten. Lange schwankte und zauderte ich. Der Gedanke auszuharren, um mich nicht der Gefahr einer demüthigenden Zurückweisung auszusetzen, wich nur, wenn ich an die bisher ausgestandenen Leiden dachte. Ein Traum war's, der mich bewog, ein Gnadengesuch einzugeben und an einen günstigen Erfolg desselben zu glauben.
Einen tiefern Schmerz habe ich selten in meinem quallenreichen [qualenreichen] Leben empfunden als den, welchen ich empfand, nachdem mir ein Schreiber die Nachricht brachte, meine Bitte sei eine vergebliche gewesen. Weniger die Vernichtung süßer Hoffnungen und die Fortdauer der Gefangenschaft, als die Täuschung des Vertrauens, das ich der regierenden "Bourgeoisie" geschenkt und der Gedanke, daß Beamte und Aufseher, die meine frühern Prahlereien angehört und deren Glauben an meine Standhaftigkeit ich durch die Bittschrift vernichtet hatte, wars, was mich schmerzte.