Freiheit und Kampf, Sieg und blutige Rache, Tod und Ruhe war meine Loosung und ich vergaß dieselbe sogar in meinen nächtlichen Träumen nicht.

Eines Abends marschirten preußische Füseliere über die Ringmauern der Anstalt, bald nachher stand auf der Mauer meines Spatzierhöfchens geschrieben; "Die Freischaaren sind aus dem Schwarzwalde in die Schweiz, Alles ist aus.—Die Franzosen wollen wieder Einen haben und der Sträfling von Ham soll auf der Liste zu oberst stehen. Lauter Lumperei!—"

Dies war zuviel.

Seit vielen Jahren eines ins Aeußerliche versenkten Lebens hatte mich Gott das Rächeramt an mir selbst verwalten lassen. Eine beständige qualvolle Unruhe, eine tiefe geheime Unzufriedenheit mit mir selbst jagte mich aus einer Stunde in die andere wie den ewigen Juden und ließ mir nicht Einen vollkommen sorgenlosen Genuß. Aus jedem Freudenbecher stiegen Dämonen und setzten sich als unerträglich schwere Alpe auf mich, während Springfedern in mir zu sein schienen, die beim leisesten Drucke von Außen mich fernen, unbekannten Zielen zutrieben.

Während meiner Gefangenschaft war ich bereits so weit gekommen, die Ochsen und Kühe zu beneiden, welche den Brodwagen in den Hof der Anstalt schleppten. Ich würde gerne geglaubt haben, das elendeste Thier sei ein glücklicheres Wesen als der Mensch, wenn nicht ruhige, freundliche, glückliche Menschen, hinter denen mein scharfgewordenes Auge keinen Schein entdeckte, täglich in meine Zelle getreten wären.

Ich mußte mir in ruhigeren Stunden gestehen, eine Regierung, welche Diener von der Art meiner Besucher habe und ihre schlechtesten Unterthanen noch menschenfreundlich behandle, müsse nicht ganz fluchwürdig sein. Nicht minder fiel es mir bei, eine Religion, welche ihre treuen Anhänger so ruhig, freundlich und glücklich mache wie die christliche, bleibe eine preiswürdige Religion, selbst wenn ihre höchsten Vorstellungen keiner Wirklichkeit entsprächen. Ich begann die Gläubigen um ihres Glaubens oder vielmehr um des Glückes willen zu beneiden, welches der Glaube denselben gewährt.

Beim Durchmustern meines vielbewegten Lebens kam ich allmälig immer mehr auf meine Jugenderinnerungen zurück, weil sie die süßesten für mich waren. Unsere Kinderzeit, theuerster Bruder, wurde für mich zunächst der Born, aus welchem ich mich erfrischte, um zum Quell des wahren Lebens zu gelangen.

Die Macht dieser Erinnerungen trug Vieles bei, mein Felsenherz zu erweichen und die wehmüthigen Betrachtungen und Vergleiche zwischen dem seligen Kinde und dem unseligen Zuchthäusler versenkten mich in ernstes Nachdenken.

Mehr als einmal, wenn die Glocken von fern und nahe in meine Zelle hineinläuteten und das Abendroth zwischen den Kerkerfensterlein hindurchzuckte und golden über die kahlen Wände zog, da sah ich längst entschwundenes Abendroth und unter ihm die Thürme, von welchen die Religion ihren Abendgruß über unser Städtlein mit seinen dunkeln Dächermassen hinrief und sah ein Haus, worin ein aufblitzendes Licht die liebsten, freundlichsten Gestalten beleuchtete, die mir in meinen Erdenwallen vorgekommen. O Anton, Anton, ich wünschte dann wiederum ein Kind zu sein und mein Leben in ganz anderer Weise von vorn anfangen zu können!——

Ich begann allmählig auch religiöse Schriften zu lesen und über den Inhalt reiflich nachzudenken. Schon die Vorträge und Predigten hatten mich überzeugt, daß ich in vielen Punkten der christlichen Religion in Irrthum und Unwissenheit geschwebt und alle Punkte nur von der Seite aus zu betrachten gewöhnt war, von welcher sie mir verwerflich erschienen.