Wunderbar ist die Macht, welche von einer unschuldigen, tugendhaften, christlich gesinnten Jungfrau nicht nur auf das Gemüth eines unverderbten, sondern auch eines verderbten, ja lasterhaften Jünglings ausgeübt wird. Die hohe Verehrung, welche ächte Katholiken der Jungfrau Maria zollen, wurzelt im tiefsten Geheimniß des menschlichen Herzens und wer die Liebe der jungfräulichen Mutter nicht versteht, lernt nur schwer die Liebe des Gottessohnes zum Menschengeschlechte verstehen. Ein Verächter Marias ist gewöhnlich ein schlechter oder mindestens sehr befangener Christ und wer die Jungfrauen nicht achtet, ein roher und noch häufiger ein schlechter Mensch. Schade, daß heutzutage christlich gesinnte Jungfrauen nicht häufiger sind! Hat Satan nicht zuerst die Eva und dann erst, als diese gesündigt hatte, durch sie den Adam verführt? Hat die Susanne, welche noch lebt und über den universellen Sieg der rothen Schwitt im Dörflein trauert, nicht den grenzenlosen Leichtsinn und tief eingewurzelten Hochmuth des Benedict in Einer Stunde gebrochen? Wie wäre er sonst unter das Fensterlein der Margareth und nach Hause gekommen? ... Mit dem Marktkorbe auf dem Kopfe wandert Benedict wiederum der Stadt zu, zuerst holt ihn das Besele, dann die Marzell und zuletzt auch die Susanne auf dem Wege ein, alle drei sprechen leise und angelegentlich mit ihm und stumm hört er ihre Reden an, antwortet zuweilen nur mit einem schmerzlichen: Ach, ich!—
Die "Alltagsmarktweiber" des Wochenmarktes stecken ihre Köpfe zusammen und verwundern sich ebenso sehr über die fremdgewordene Erscheinung des Benedict als über das nachdenkliche Gesicht und zerstreute Wesen desselben, denn heute bringt er auch nicht einen seiner sonstigen Marktwitze und fröhlichen Späße vor.
Auf dem Wege waren ihm noch früher als das Besele drei Gensdarmen begegnet; diese gingen seinem Dörflein zu, ein schwüles, banges, unheimlichem Ahnen erfüllte seine Seele, er sah immer nur die drei Gensdarmen, welche dem Hause seiner Eltern zugingen und hörte nur immer, wie dieselben nach ihm fragten!
Er verkaufte den Marktkram und ging dann in die Apotheke, um Arznei für sein krankes Brüderlein zu holen. Ihm folgt jedoch einer der drei fatalen Gensdarmen und als Beweis, daß derselbe bereits wieder aus dem Dörflein komme, folgt auch der kleinere Bruder, der Hannesle deutet bleich und zitternd auf den Aeltesten und sagt: das ist unser Benedict! ... Der Hannesle wartet auf die Arznei, der Verhaftete übergibt demselben den Korb sammt dem Marktgelde und wird vom Gensdarmen in das Amtsgefängniß geführt. Man fand nicht mehr bei ihm, was man suchte, doch er dachte an die verflossene Nacht, gestand seine ganze Schuld dem Assessor, welchem er vorgeführt wurde und kehrte noch am Abend desselben Tages in sein Dörflein zurück.
Der Jacob schmierte gerade ein Pflugrad, als er seinen Ungerathenen kommen sah, eilte zum Hause, stellte sich neben die Theres und beide erklärten einstimmig, er habe kein Elternhaus mehr, sei für immer von ihnen verstoßen und sie wollten vergessen, jemals einen Sohn gehabt zu haben, der Benedict heiße.
Diese furchtbare Erklärung brachte den Duckmäuser nicht außer sich, er behauptete, derjenige gar nicht zu sein, welchen die 3 Gensdarmen gesucht hätten; seine Unschuld sei gleich erkannt und deßhalb sei er auch gleich wieder freigelassen worden nach dem ersten Verhöre. Auf solche Weise erschlich er den Eintritt ins Elternhaus.
Viele Bewohner des Dörfleins jedoch glaubten nicht an seine Unschuld, bürdeten ihm zehnmal mehr auf, als er jemals gethan hatte und so wenig sich die Mehrzahl scheute, Ehre zu geben wem Ehre gebührt, so wenig scheute sich dieselbe, ihren Argwohn und ihre Verachtung dem Benedict ins Gesicht hinein zu werfen.
Als ihm die Mutter ebenfalls den Markt und die häuslichen Arbeiten abnahm und dem Gregor übergab, zugleich nirgends einen Schlüssel mehr stecken ließ, wo etwas zu holen war, da entleidete dem Benedict das Leben im Elternhause und er wäre fortgegangen, wenn die Mädchen ihm nicht in dieser Zeit Proben wahrer Freundschaft und Liebe gegeben hätten. Diese scheuten weder Muthmaßungen noch Sticheleien und böse Nachreden, theilten ruhig und freudig seine Verachtung, gingen offen mit ihm um, kamen zur Mutter Theres, um diese zu trösten, zu beruhigen und derselben eine freudenvollere Zukunft zu versprechen, insofern solche von ihrem Aeltesten abhänge. Der Duckmäuser hatte die arglosen, unschuldigen Mädchen leicht von seiner Schuldlosigkeit überzeugt und sie glaubten an seinen guten Willen zur Besserung. Er hielt sich möglichst fern von den Leuten, seufzte im Stillen, denn Ruhe blieb seinem Herzen fremd. Böses erwiederte er nicht mit Bösem, nahm Alles in Demuth hin, betete viel und nach einiger Zeit gab es auch Stunden, wo er selbst an eine bessere Zukunft glaubte. Was thut, hofft, fürchtet ein junger Mensch nicht in arger Bedrängniß?
Die treuen Mädchen, welche zur altmodischen Schwitt gehörten, standen mit ihrer Treue vereinzelt, denn die meisten Buben und Mädlen ihrer Parthei hielten das stille, ruhige, demüthige Benehmen des außer Kredit gekommenen Oberhauptes meist nur für einen Akt neuer Verstellung. Dagegen begegnete die rothe Schwitt dem Duckmäuser so freundlich, zuvorkommend und wohlwollend wie noch nie, denn sie glaubte, jetzt oder nie sei der rechte Augenblick da, um ihn ganz an sie zu fesseln.
"Wie lange werden die treuen Mädchen der alten Schwitt noch zu dir halten? Wie lange wird es dauern, bis der letzte und ärgste Schlag im Hause geschieht? Bis du von den Besten unter den Guten verachtet, verlassen, aus dem Elternhause verstoßen sein wirst? Sind dann alle Deine Anstrengungen nicht vergeblich gewesen? Sei pfiffig, Benedict, bei der rothen Schwitt winkt Freude und Genuß, gerade jetzt ist es die rechte Zeit zum festen Anschluß an dieselbe! Leben die Buben und Mägdlein der rothen Schwitt nicht auch im heimathlichen Dörflein? Haben sie nicht ihre Eltern hier, Verwandte und Gesinnungsgenossen genug in den umliegenden Dörfern? Stelle dich an die Spitze der rothen Schwitt, mache das Leben derselben zur Mode, dann wird die allgemeine Verachtung aufhören, sie muß aufhören!" Also flüstert in bangen, schlaflosen Nächten der Versucher dem Benedict ins Herz, mächtig kämpft die Erinnerung an die Nacht des Fensterleins, mit letzter Kraft die Liebe zur Margareth und deren Freundinnen gegen jene Stimme an—er erlebte grausam qualvolle Stunden, der unglückliche Duckmäuser! ... "Fort, fort von hier, das ist meine einzige Rettung!" sagt er an einem Sonntagmorgen zu sich selbst und geht.