Dies und noch weit Aergeres muß der Max mit anhören, der mit dem Willibald und zwei Anderen in einem Winkel der Wirthsstube würfelt.

"Dort hinten, sagt der tiefbewegte Fidele und deutet auf den Max, dort hinten hockt mein Schöner, den ich wohl noch am Galgen sehen muß!" ... Zum Vater des Duckmäusers, zum Jacob gewendet, der heut mehr als ein Hälbsle schluckt, sagt er weinend:

"Euer Sohn hat Euch viel Kummer gemacht und manche Thräne ausgepreßt, denn er war leichtsinnig, aber doch nie so liederlich und so bis ins Innerste verdorben, wie mein Einziger dort hinten! ... Dieser macht Euch jetzt wieder Ehre, Freude und Trost, der meinige wird mir Kummer bereiten bis zum Grab und mein einziger Trost bleibt, daß Gott und Ihr wisset, wie ich meine Pflicht als christlicher Vater erfüllte! ... Hab´ Alles gethan, ihn an Leib und Seele gesund zu erhalten, jetzt ist er doch an Leib und Seele ein Krüppel!"

Der Max schüttelt in seinem Winkel den Würfelbecher sehr lebhaft und thut, als ob er den Vater gar nicht höre; solch Benehmen empört alle Anwesenden, der Benedict stachelt den Hansjörg, mit dem er einst auf dem Katzenbänklein gesessen und Andere auf, nach zwei Minuten fliegt der Max zum Hirzen hinaus in den Straßenkoth, der Willibald und die Andern schleichen eiligst davon.

Von dieser Stunde an haßt der Max den Benedict tödtlich und schon am Abend wird letzterer gewarnt, sich wohl in Acht zu nehmen, weil der Max mit geladener Pistole auf ihn lauere, doch Jener fragt wenig darnach und gebraucht blos die Vorsicht, während der Urlaubszeit Abends nie ohne Säbel auszugehen.

Am glücklichsten fühlten sich während dieser Kirchweihe die alten Herzkäfer des Duckmäusers, die geehrten und beschenkten Jungfrauen der schwarzen Schwitt und nur Eine bekennt, daß sie nicht so glücklich sei, wie dies der Fall sein könnte. Diese Eine ist Margareth, Benedicts alte Geliebte, welche die Rosa an dessen Hand sieht. Die Rosa merkt dies wohl, spricht mit dem Benedict und sogar mit der Margareth selbst hierüber und erklärt, sie wäre bereit, für den Duckmäuser das Leben zu opfern, doch wenn er der älteren und damit mehr berechtigten Freundschaft gedenken wolle, so wolle sie entsagen.

Die Margareth jedoch meint, nicht sie, sondern das Rosele habe den Benedict vor gänzlichem Verderben gerettet, die Entsagung müßte dem Rosele schwer fallen und könne ihr nicht zugemuthet werden. Beide Mädchen meinten es aufrichtig und wohlwollend mit einander und ebenso mit dem Benedict, ihr liebreicher Streit gab den sehr zahlreich anwesenden Gästen Anlaß zu einem Gespräche, wie es wohl in einer Stadt sehr selten vorkommen mag.

Die Meisten kannten den Duckmäuser von Kindesbeinen an, sie wollten den Schiedsrichter zwischen der Margareth und dem Rosele machen und bei dieser Gelegenheit wurden alle Streiche, welche der Gegenstand ihres Streites jemals begangen, öffentlich besprochen; er erfuhr, daß die Wände Ohren haben; gar Vieles kam jetzt erst zur allgemeinen Kenntniß und er selbst war gescheidt und edel genug, bei der Aufdeckung seiner unsaubern Stücklein selbst mitzuwirken; dafür redeten Viele auch vom Guten, was er an sich trug und vollbracht hatte.

Endlich erhebt sich der älteste und ehrwürdigste Mann der Gemeinde, der eisgraue Korbhannes, welcher seit mehr als zwanzig Jahren kein Wirthshaus inwendig gesehen hat, heute seinem Liebling zu Ehren kam und seinen Sitz zwischen dem alten Schulmeister und dem Stabhalter nehmen und sich von diesen zechfrei halten lassen mußte. Er nimmt langsam die Zipfelkappe herab vom zitternden Haupte, es wird so still in der dichtgedrängten Stube des Hirzenwirths, daß man hätte können eine Stecknadel fallen hören und dann spricht der Greis, während er mit glänzenden Augen umherschaut:

"Ich weiß, daß ich von Gott und der Welt geliebt und geehrt werde; von Gott—dies beweist mein alter grauer Schädel,—von der Welt—dies sehe ich mit meinen Augen in diesem Augenblicke ... Heute ist noch ein Freudentag für mich vor meinem Tode, an welchem ich wie ein Jüngling mit Euch und dem lieben Herrgott Gesundheit trinken werde! Es ist ein glücklicher Tag, denn ein Verlorner unseres Dörfleins ist ja wieder gefunden—das allein macht mich heute so jugendlich und ist ja auch die einzige Ursache, daß der Vater Steffen dort und die Mutter Ursula dort drüben in ihrem hohen Alter noch einmal zu der ledigen Jugend auf der Kirchweihe sich gestellten! ... Es ist der größte Schmerz für rechtschaffene Eltern, ein ungerathenes Kind zu haben, aber auch der seligste Augenblick, wo ein verirrtes Kind wieder in ihre Elternarme zurückkehrt. Davon haben wir heute einen sprechenden Beweis, denn wer könnte wohl theilnahmlos bleiben an der Freude der Theres und des Jacob? ... Möge Gott dem Benedict auch ferner Seine Barmherzigkeit erzeigen, daß wir einst so wie jetzt hier voll Freuden in der Ewigkeit beisammensitzen dürfen! ... Gott weiß es, wie ich den Benedict liebte, seitdem er die ersten Hosen an hatte und diese Liebe ist nicht verschwunden, als er, mit Schande und Fluch bedeckt, sich aus dem Dörflein entfernte! ... Heute, da wir ihn als Mann und Christ wieder unter uns haben, brennt mein Herz recht für ihn und wird ewig brennen! Ich sage: ewig, denn gar bald wird mich Gott zu sich nehmen und daher glaube ich auch vor Euch Allen ein Vorrecht zu haben, dem Benedict zu rathen, wie er glücklich bleiben wird!"