Am folgenden Tage Abende bringt ihm eine Frau einen Brief vom Rosele voll zärtlicher dringender Bitten um Aufschluß über sein befremdendes und kränkendes Benehmen, voll liebreicher Mahnungen und gutgemeinter Warnungen. Benedict sagt der Ueberbringerin einen Ort, wohin er am Sonntage kommen und die Antwort mitbringen werde.

Richtig kommen Beide zusammen, er gibt dem Rosele einen Brief, sagt Adje, kehrt eilig um und rennt fort, ohne auf das Nachrufen des staunenden Mädchens zu hören, welches den Brief sofort erbricht, liest und mit zitternden Knieen beinahe zusammenbricht.

Er lautet also:

"Rosa! Du weißt, wie man mich seit Langem hier gehalten hat und nun habe ich die sicherste Nachricht erlangt, daß Du und nur Du die einzige und alleinige Schuld daran bist. Will ich mein Loos ändern, so muß ich Dich für immer meiden, was ich um so lieber thue, weil ich glauben darf, Du seiest nicht die bisher vermeinte fromme Rosa, sondern eine Schmeichlerin voll Falschheit und Trug. Besuche mich nicht, ich werde Dir fortan nur mit tiefer Verachtung begegnen. Glaubst Du Forderungen an mich zu haben, so schreibe Alles genau auf und schicke mir die Rechnung, ein anderes Schreiben werde ich nicht annehmen oder ungelesen zerreißen.

Hobist Benedict."

Die edle Rosa ist des Schreibers Schutzgeist gewesen; noch vor acht Tagen war sie mit dem Straßenbasche beim Oberst und Kapellmeister und legte ein gutes Wörtlein für den wahrhaft Geliebten ein, sie hat ihn aus einem liederlichen Sauhirten zu einem Menschen gemacht, mit Güte und Wohlthaten überhäuft und—dann den Lohn der Welt empfangen, der sie vernichten würde, wenn sie nicht um Gottes und der unsterblichen Seele des Benedict willen gehandelt hätte.

Gott meinte es wohl mit Rosa, als Benedict es böse meinte.

Er opferte seinen Schutzengel einem Trugbilde und that es auf eine Weise, welche uns vollkommen an ihm irre machen müßte, wenn nicht ein geheimer besonderer Beweggrund ihn bei Abfassung des Schreibens geleitet hätte.

Dieses war jedoch der Fall.

Von Kindesbeinen an strebte er nach der Gunst der schönern und bessern Hälfte des menschlichen Geschlechts, das heißt, nach der Gunst der Mädchen und Frauen, mit welchen ihn sein Leben in Berührung brachte. Als Schulknabe und Unterlehrer beschützte er die Kamerädinnen gegen Rohheiten, half denselben in der Schule und bei Schularbeiten, that Alles, um sie angenehm zu unterhalten und für sich einzunehmen. Was der Knabe erstrebt und gewonnen, wollte der Jüngling nicht einbüßen, sondern erhalten und vermehren und hieraus erklären sich großentheils seine Tugenden und Verirrungen, jedenfalls seine Nüchternheit, Mäßigkeit, Scheu vor Geldspielen und die Sucht, Geld auf alle Weisen und durch alle Mittel zu erhalten. Er sparte, betrog, stahl, um seine Rolle als Haupt der altmodischen Schwitt behaupten und den Anhängerinnen derselben kleine Geschenke und frohe Stunden machen zu können. Wie viele seiner Herzkäfer hat er in einer Reihe von Jahren erfreut, welche Opfer hat er oft gebracht, um der Margareth, dem Vefele, der Marzell oder einer Andern ein kleines Geschenk machen zu können! ...