Spät in der Nacht kamen wir im Wohnorte und Hause des Meisters März an; eine Schaar andächtiger Frauen und gottseliger Männer sammt zwei jungen, äußerst bleich und fromm aussehenden "Dienern am Worte" waren in einem Hintergebäude des Hauses noch in Gebet und Betrachtungen versunken, Meister März stellte mich denselben vor und ich sah, wie große Augen alle machten und zusammenschauderten, als sie hörten, ich sei ein "Papist aus Dütschland."
Einige liebliche Mädlen und gottselige Wittwen versprachen, für mich, den in den Banden des Irrthums, der Ungnade und des Satans gefangenen Mitbruder inbrünstig zu bitten und ihre Liebe rührte mich dermaßen, daß ich helle Thränen vergoß!
Du weißt, Zuckerhannes, daß ich wohl der geschickteste Schreiner des Zuchthauses bin, ich habe als Gefangener dieses schöne Gewerbe in einer Reihe von Jahren vom Fundamente aus gelernt, doch den ersten Grund dazu legte ich bei Meister März.
Meister März arbeitete nicht selbst; er führte mit einem Gehülfen und Obergesellen das Geschäft und betete, machte Besuche und Reisen, hielt in der großen Werkstätte Versammlungen, gab mir Essen, Trinken, Kleider, ließ mich nicht als Lehrjungen, sondern als Bruder behandeln, betete stündlich um meinen Gnadenstand und suchte mich auf jede Weise zu überreden, der "römischen Abgötterei" zu entsagen.
Er hielt viel auf meinen gescheidten Kopf und meine frommen Gesinnungen und ich darf wohl behaupten, daß ich jetzt einer der reichsten Schreiner des Elsasses und leicht der Schwager meines Meisters wäre, wenn ich es nur über mich gebracht hätte, meinen Glauben abzuschwören!
Nach und nach erzählte ich ihm viele Streiche und Verirrungen meines Lebens, aber er ließ deßhalb nicht nach mit Zudringlichkeit und meinte, der Mensch sei unfähig ein gottgefälliges Werk zu vollbringen, die Werke des Menschen seien ohne Bedeutung und der Glaube allein mache selig, ich aber müsse noch zum Glauben und Gnadenstand gelangen, das habe ihm eine wunderbare Erscheinung schon in Straßburg angekündiget und er sei das Werkzeug, welches mich aus einem heidnischen Gefäße des Zornes zu einem christlichen Gefäße der Gnade mache.
Mein Meister hatte schon manche Seele für "das Wort" gewonnen, bei mir machte er sammt seiner arg verliebten Schwester große Versprechungen, kam doch nicht rasch genug zum Ziele und merkte, daß es mir nur darum zu thun sei, geschwind ein Schreiner zu werden und dann in die sündige Welt hinauszuwandern, in Paris statt in Zion Arbeit zu suchen! ... An der katholischen Religion liegt mir in der That wenig; man vergißt dergleichen Dinge in der Kaserne, wo Evangelische und Juden darüber spotten und im Zuchthause ist es ebenso, aber ich brachte es nicht über mich, meinen alten Glauben abzuschwören, wiewohl ich mit den Lutherischen in ihre Conventikel und Predigten ging, aus Klugheit und zur Unterhaltung die Schriften von Jung-Stilling und Anderen las, auch das alte Testament fast auswendig lernte und Mariotts wässerige Traktätlein fleißig vertheilte.
Daheim im Dörflein hat meine Mutter von den Lutheranern mir früh viel Arges erzählt; ich verabscheute dieselben beinahe, wie ich die Juden fürchtete, hielt sie für böse Geister, aus welchen einmal der Antichrist erzeugt werde und konnte mich von dem Aberglauben nicht losreißen, ein abgefallener Katholik sei ewig ein Kind der Hölle und des Teufels. Vieles, was ich im Hause meines Meisters sah und hörte, bestärkte mich im Aberglauben der Mutter; Hochmuth und Wollust spielen bei den Muckern eine wüste und unerträgliche Rolle und so oft ich auch versprach, meinen katholischen Glauben fahren zu lassen, wenn man mir noch ein wenig Frist lasse, ebenso oft trat ich zurück, wenn die Frist vorüber war.
Eines Abends, wo der Meister mich schon recht kühl und bissig behandelte, so daß ich gerne fortgelaufen wäre, wenn ich nur einen Paß und Geld gehabt hätte, spottete ich über die Frömmigkeit einer Betschwester, die ich bei einem Andern als ihrem Manne ertappte.
Am andern Morgen kommt der Mann der Betschwester, verflucht meine böse Zunge und babylonische Herzensverwirrung, der Meister März seufzt, verdreht die Augen und lispelt: [">[Benedict, du bist und bleibst ein abgöttischer Papist, entweder nimmst du noch heute meinen Glauben an oder gehst aus dem Hause, denn mein Gewissen duldet es nicht, mich mit einem Unmenschen deiner Art abzugeben, der eine fromme Schwester verläumdet!" Ich antworte patzig, das fromme Männlein wird ganz wüthend, verdammt mich in die unterste Hölle, ich gehe den Bündel zu schnüren und wenn Meister Märzens Schwester mir nicht gesagt hätte, mich augenblicklich aus dem Staube zu machen und ihrer angenehmen Nächstenliebe eingedenk zu bleiben, so würde mich der Gensdarm erwischt haben, denn dieser war keine zehn Schritte mehr vom Hause, als ich zur Hinterthüre hinausschlich.