Ohne Paß und Kleider, besaß ich nichts außer einem Fünflivre, den Mamsell März mir in der Eile zugesteckt hatte, lief gleich einem Feuerreiter Tag und Nacht und kam halbtod [halbtodt] wieder nach beinahe vierteljähriger Abwesenheit in Straßburg an.
Hier blieb ich über Nacht, spazirte bei Kehl über die Brücke und schlug den Weg nach meinem Heimathdörflein ein, um den Rest meines mütterlichen Vermögens oder doch einige Napoleons zu holen und mich damit in die Schweiz zu machen. Glaubst du es, mein lieber Zuckerhannes?
... Schläfst du? ... Nun, s'ist gleich aus; ich reiste zu meinem Vater auf ähnliche Weise, wie du, hungerte am Tage, lief bei Nacht und fand auch eine kühle, böse Aufnahme! Du weißt es! Alles im Dörflein ist todtenstill, wie ich hinkomme, nur einige Hofhunde bellten in die Nacht hinaus, zu Hause lag Alles wie der Vater im Schlafe; ich klopfe, er steht auf, schaut zum Fenster heraus, erkennt mich, rennt fort, um die Flinte zu holen und droht, mich elenden Spitzbuben über den Haufen zu schießen, wenn ich nicht augenblicklich fortgehe.
Die Verzweiflung macht mich rasend, der Teufel zeigt mir einen Bengel, der mitten im Hofe lag, ich packe denselben und schlage so wüthend auf die Thüre los, daß alle Geschwister und die Nachbarn wach werden und laut rufen.
Plötzlich öffnet der Vater die Thüre, drückt die Flinte auf mich ab, die Kugel streift aber blos die Achsel [">[... schau da, Zuckerhannes, dies Wundmal ist die ewige Erinnerung an jenen fürchterlichen Augenblick! ... ich haue in blinder, besinnungsloser Wuth mit dem langen, knorrigen Bengel in den dunkeln Hausgang hinein und ehe ich den dritten Schlag thue, packen mich des Liebhardts Knecht und der Hansjörg, der mit mir so lange auf dem Katzenbänklein gesessen, von hinten, der Hannesle stürzt mit dem Lichte und einem alten Säbel aus der Thüre und ... ich schaudere, wenn ich daran denke, du magst dir alles Andere selbst denken!" ... Schaudernd kehrt sich der Duckmäuser ab, schlüpft mit dem Kopfe unter den Teppich und es bleibt ungewiß, ob er weine oder schlafe.
Der altersgraue, finstere und allzuharte, doch sonst brave Jacob lag blutend damals in der Hausflur, der Kopf war ihm auf einer Seite ganz zerschmettert, er stöhnte und röchelte nur noch wenige Augenblicke und verschied, ehe irgend eine Hülfe kommen konnte.
Sein Sohn, der ehemalige Unterlehrer, Dorfhanswurst, Anführer der Altmodischen, Schweinehirt, Hobist und Schreiner ist ein Vatermörder geworden und sitzt als solcher jetzt schon lange Jahre im Zuchthause. Er ist gelassen, gleichmüthig, folgsam, arbeitsam, doch gebessert ist er nicht, schiebt die Schuld seines Unglückes nur auf Andere und wenn er auch zugibt, der Teufel habe ihn schlecht und verbrecherisch gemacht, so weiß er doch nicht, auf welche Weise er der Herrschaft des Teufels zu entrinnen vermöchte.
Der Duckmäuser läßt sich Etwas erzählen.
Der Duckmäuser liegt im Schlafsaale und flüstert zum Kameraden hinüber:
"Schau, es geht jetzt ins 10. Jahr—bis Peter und Paule wird's just zehn, daß mich die Gensdarmen geholt haben und darfst glauben, daß ich wenig Freuden erlebte und nur so mitmachte von einem Tag zum andern und war froh, wenn ich recht ermüdet im Schlafsaal lag. Der Zuckerhannes blieb der Erste und Letzte, mit Dem ich mich näher einließ und ihm meine wahre Geschichte erzählte. Er ist ein guter, armer Kerl, hat's auch im Zuchthaus besser gefunden als draußen und sie würden ihn schon wieder gekriegt haben, davor bin ich nicht bange! ... Ist Einer einmal da gewesen, so geht's das zweite Mal viel leichter bei den Rechtsverdrehern und bei denen, die sie schon in den Klauen gehabt haben! ... 'S ist gut, daß er tod ist!"