"Das Beste ist, daß man Gedanken nicht einsperren kann, ich hocke da, doch meine Gedanken streifen den ganzen Tag herum, und am liebsten nach dem Unterland oder das Höllenthal hinauf gegen Lenzkirch, denn dort ist meine Heimath, nämlich in jener Gegend, die für so rauh und wüst verschrieen wird und mir doch hundert Mal besser gefällt, als der Breisgau mit allem Wein und Obst und Kesten und der großen, schönen Stadt Freiburg dazu. Ich sehe wahrhaftig mein niederes Strohdach und die langen braunen, hölzernen Wände, den Milchbrunnen, den Misthaufen beim Hause und die Halde worauf es still und heimelig steht und hinabschaut in das Thal mit den zerstreuten Häusern. Ringsum lauter Tannenwald und dunkle Höhen, statt Trauben Tannenzapfen, statt Aprikosen und Kesten, Schlehen und Elzbeeren und statt Welschkorn und Tabak einzelne Hafer- und Kartoffelfelder, die selten gut ausgeben. Aber wie schön ist's, wenn der haushohe Schnee schmilzt, die würzige Frühlingsluft aus den Tannenwäldern herüberweht und die blitzenden Bächlein durch die Matten eilen, mit ihrem würzigen Grün, den gelben, rothen und weißen Blumen! ... Holz, Vieh, Milch und Schmalz gibt's bei uns auf dem Walde und kunstfertige Leute dazu und in so mancher Strohhütte steckt mehr Geld und Gut und vielleicht auch Bravheit, als hier wohl in manchem Herrenhause."
"Wenn Du so anfängst, dann werden wir vor Morgen nicht fertig; rede nicht lang von der Heimath, sonst muß ich an meine denken, nein, die ist schön! ... Der Mensch ist halt auch wie das Vieh, er geräth am besten, wo er daheim ist und ist ihm dort am wohlsten, wenn's in Sibirien wäre!—O Gott!"—
"Sibirien? Ja, das badische Sibirien nennt man meine Gegend und noch mehr die rechts gegen den Schluchsen und Feldberg zu. Meinethalben, ich möchte doch mein Lebenlang gern als der ärmste Holzschläger oder Kohlenbrenner dort leben! Jetzt will ich erzählen, wie Du es wünschest, aber wie wünschest Du es? Ich kann halt nicht viel besser reden, als mir das Maul gewachsen ist und man kriegt so wunderliche Gedanken!"
"Thatsachen will ich, lauter Thatsachen!" flüsterte der Duckmäuser.
"Aha, Thatsachen! weiß was das ist, wer ins Zuchthaus soll, erfährts! Herrgott, wie haben sie mich mit den verdammten "Thatsachen" gequält, die Leuteschinder und am Ende doch wegen Etwas verurtheilt, was gar keine Thatsache ist! ... will also mit Dir reden, wie es der Asessor haben wollte, lauter Thatsachen! paß auf!"
Gerade wie der Zuckerhannes hatte ich auch keinen Vater, daß heißt, der Halunke wollte nichts von mir wissen. Meine Mutter war bei Lenzkirch daheim und diente in Freiburg in der Salzgasse und später in der Egelgasse. Sie soll ein hübsches "Mensch" gewesen sein und ich glaube es, denn ihre schwarzen Augen und Haare und ihr kurzer stämmiger Leib blieb, als die rothen Backen längst verschwunden und der Mund nicht viel mehr lächelte. Die Studenten, Offiziere und andere Herren waren ihr sehr auf den Fersen, sie wußte davon zu erzählen, aber sie wollte lange gar keinen Liebhaber und am Ende doch lieber Einen, der sich offen mit ihr sehen ließ, als so einen Vornehmen, der nur ins geheim lockt und schmeichelt und jede Gans weiß, wohinaus das Ding will. Am Ende bekam sie ein Unteroffizier am Bändel, der ihr ganze Packe Briefe und Gedichte schrieb, in der Dämmerung niemals im Hausgange fehlte, lauter Liebes, Gutes und Süßes gelobte und nicht ruhte, bis ich da war. Er gab um Heirathserlaubniß ein, sagte und schwur es wenigstens, doch war er noch kein Einständer und als das Regiment nach Carlsruhe kam, war meine Alte petschirt und heulte sich fast die Augen aus dem Kopf. Sie that mich zu meiner Großmutter im Haus auf der Halde, das ich Dir beschrieb und ich verlebte dort meine besten Tage. Die Zeit, wo ich den ganzen Tag eine Rotznase hatte und im bloßen Hemd herumklunkerte, ist die schönste gewesen und ich wollte nur, daß ich wieder ein "Hemmetklunker" wäre! ... Ich ging ins achte Jahr und hatte schon einigemal die Schule besucht, wenn der Weg nicht verschneit war und auch die Mutter oft gesehen, die mir jedesmal die Nase alle Augenblicke putzte und mir Gutseln oder Butterwecken brachte, was ich um mein Leben gern aß, da legte sich die Großmutter hin und starb. Ich durfte nicht mehr in der Hinterstube bleiben, wo ich wie im Himmel gelebt, denn die andern Leute auf der Halde hätten mich zwar behalten, allein die Mutter war unten im Dorfe verheirathet und nahm mich zu sich.
Der Gang von der Halde war der Gang in mein Unglück.
Meine Mutter hatte einen Wittwer geheirathet, der für einen Uhrenmacher in Lenzkirch arbeitete, jedoch nicht in Lenzkirch sondern daheim.
Dieser Wittwer besaß eine durstige Gurgel, einen Humor, wie ihn der Teufel nicht besser haben kann und 3 Kinder von der frühern Frau, die er unter den Boden gebracht hatte mit Schimpfen und Schlagen.
Er zeigte mir, was es heiße, einen Stiefvater zu besitzen und plagte mich sammt der Mutter um die Wette, prügelte seine eigenen Kinder dazu und wer von Allen geschimpft, geschlagen, gestoßen wurde und kaum mehr als ein Kreuzschnabel zu fressen bekam, der war ich ... Meine Mutter mußte es vom frühen Morgen bis tief in die Nacht hören, daß sie ein Soldatenmensch und ich ein Bankert sei und wenn der Stiefvater besoffen von Lenzkirch kam, gab es oft die ganze Nacht keine Ruhe.