Die Mutter schlug mich nie, aber tausend Mal sagte sie, um meinetwillen allein müsse sie leben wie ein Hund und es gereue sie, mich nicht in die Dreisam geworfen oder erwürgt zu haben, bevor ich recht auf der Welt war! Dafür mag der Teufel dem Unteroffizier danken!

Die Leute im Dorfe waren nicht so arg wie die Landleute des Zuckerhannes, ich bekam es besser und trieb mich die meiste Zeit in andern Häusern herum, wo ich zu essen genug bekam, weil man wußte, wie mich der Stiefvater behandelte und mich sammt der Mutter bedauerte, die sich tagaus tagein schinden und plagen mußte und das ganze Jahr keine gute Stunde dafür bekam. Der Pfarrer sah das Elend und sprach sie von dem wüsten Kerl weg, der aber konnte mit dem Hauswesen und den 3 Kindern nicht allein fertig werden und weil meine Mutter sich doch nicht ganz scheiden lassen konnte, ließ sie sich durch seine Bitten und Versprechungen bethören und zog wieder mit mir zu ihm. Bald fing der alte Tanz wieder an, meine Mutter bekam auch ein Kind und dann gleich noch eines und seitdem konnte auch sie mich nicht mehr leiden und ich irrte Tag und Nacht aus einem Hause ins andere, wo man mir einen Platz am Ofen gönnte und etwas Warmes gab. Solches war auch nicht überall der Fall, ich mußte auch von fremden Leuten bittere Dinge hören und Schläge hinnehmen, doch hatte ich meine bestimmten Häuser und suchte mich wohl daran zu machen durch Viehhüten oder Botengänge nach Lenzkirch oder in die Neustadt oder was man mich sonst hieß.

Ich besuchte auch die Schule und betete fleißig, denn oft genug sagte die Mutter "Donatle, bete und denke an Gott, du hast sonst Niemanden auf der Welt, ich kann Deine Mutter nicht sein, das siehst Du!"

Gottlob, daß sie unter dem Boden ist, meine Kette da brächte sie sonst hinab; sie ist schon lange todt und habe ihren Leichenzug nicht gesehen, Gott schenke ihr die ewige Ruhe und Glückseligkeit! Auf der Welt hat sie wenig Gutes gehabt und war doch keine böse Frau, nur zu gut für den schlechten Stiefvater!

Ich war bald 14 Jahre alt, da wurde unser Pfarrer versetzt und den Tag, wo der neue zum ersten Mal in die Schule kam, vergesse ich in meinem Leben nicht! Das fortwährende Schimpfiren und Verlästern der Geistlichen ist nicht schön und recht, es gibt gute Herren unter ihnen und der neue war Einer davon.

Er betrachtete mich genau, weil ich gar elend dreinsah und keinen Fetzen an mir trug, den ein Lumpenmann hätte nehmen mögen, fragte mich, wer und woher und dies und das und heißt mich am andern Tage ... es war just ein Donnerstag und wir hatten "Vacanz"... in den Pfarrhof kommen.

Kannst Dir denken, daß ich den Tag kaum abwarten konnte und hoffte, Etwas zu kriegen. Als ich zu ihm hineintrat, fragt er mich, ob ich den Weg nach Bonndorf wisse, ich sage: ja; dann fragt er, ob ich einen Brief an den Herrn Stadtpfarrer in Bonndorf besorgen wolle und ich sage: gern! Da mußte ich mich in ein anderes Zimmer setzen, die Köchin brachte mir Etwas zu essen und ein Glas Wein, daß ich meinte, jetzt auch einmal ein großer Herr zu sein. Nachher gab mir der Pfarrer noch einen Sechser und meinte, ich solle in Bonndorf etwas essen, doch ich hatte gegessen, einen Sechser in meinem Leben noch nicht gehabt und der Wein gab mir Kraft und Muth, daß ich gar nicht spürte, was für ein Wind von Sankt Blasien herpiff [herpfiff] und daß ich baarfuß herumzottelte. Ich flog wahrhaftig, denn in Bonndorf glaubte ich wieder Etwas zu bekommen, bekam auch einen Zwölfer und einen Brief retour. Als ich den Brief abgab, fragt der Herr, ob ich meinen Sechser gebraucht habe, ich zeigte ihm den Fetzen Papier, den ich zwischen Lenzkirch und Bonndorf gefunden, worin ich mein Geld eingewickelt hatte und streckte es hin, damit er es wieder nehme. Doch ließ er mir nicht nur das Geld, sondern schenkte mir auch einen Rock, ein paar Hosen und bezahlte den Schneider, der mir eine prächtige Montur daraus zuwege machte; kurz, der Pfarrer wurde mein Vater, ihm zu Liebe lernte ich besser in der Schule und es war ein großes Unglück, daß der gute Herr sehr bald aus der Gegend fortkam, denn er hat mir oft gesagt, ich müßte eine gute Profession lernen und wenn dieses geschehen wäre, läge ich nicht in einer Kette hier!

Kann's nicht beschreiben, wie gut der Mann gegen mich elendes Kind gewesen ist, Gott wirds ihm entgelten und ich will froh sein, wenn er nichts von mir erfährt!

Ich möchte noch Vieles sagen, lauter Thatsachen, Duckmäuser, könnte die halbe Nacht allein vom Pfarrer erzählen und thäte es lieber als das Andere, denn der Weg, den ich jetzt betrat, war kein guter. Aus der Schule entlassen, trieb ich mich einige Jahre in der Gegend herum, und trieb bald Dieses, bald Jenes, um leben zu können und den Stiefvater nicht um Etwas ansprechen zu müssen. Es ging mir gerade, wie den Hasen des Fürsten von Donn'schingen im Winter, nämlich es war Winter und ich hatte nichts zu beißen und zu nagen, da kamen ein Mann und eine Frau aus einem Zinken nicht weit von meinem Orte—ich traf sie in der Sonne zu Neustadt, nein, es war in der Post, ich sehe noch immer den dicken Posthalter mit der großen rothen Nase, wie er mit dem Schoppen herwatschelt und jedesmal sagt: "Gesegne's Gott, 's ist ächtes Breisgauergewächs!"—Also die Beiden brachten mir's zu und sagten nach längerem Hin- und Hergerede: "Weißt du was, Donatle? 'S ist Winter, hast Uebel Zeit, dein Stiefvater ist ein Lump, du hast erfahren genug wie er uns anfeindet, aber du bist ein änstelliger [anstelliger] Bursche, kein Mensch will sich Deiner erbarmen, komm zu uns, bis es besser wird. Du arbeitest, was es zu arbeiten gibt, viel ist's jedenfalls nicht und wenn Du auch Nichts kriegst, hast Du doch zu essen und ein Obdach!"

Das kannst Du glauben, daß ich mich nicht lange besann, sondern einschlug; es war besser als Holzmachen oder Schneeschaufeln oder Leiternmachen, was ich schon thun mußte. Ich ging auf der Stelle mit dem Glasjakob und seiner alten Fränz, mit der ich ein Stück biblische Geschichte durch machte, bloß daß die Sache einen unbiblischen Ausgang nahm.