Die Fränz hatte 48 Jahre auf dem Buckel, graue Haare und Runzeln genug, keine drei ganze Zähne mehr und eine Nase wie ein Ulmerkopf, kurz es war ein altes, wüstes, ungattiges Thier und hatte außer dem ältesten Sohne, der 2 Jahre älter als ich war und längst mit dem Reff auf dem Buckel als Glashändler im Unterland hausirte, noch 5 Kinder und die beste Seele von der Welt zum Manne.
Sie konnte recht gut meine Mutter sein, doch bald machte sie es wie Putiphars Frau und weil ich nicht der Joseph, sondern der Donat bin, hing sie mir bald am Halse und ich wurde bis über die Ohren in sie verliebt.
Du magst es glauben oder nicht, so ein armer Tropf wie ich kommt nicht leicht zu einem Weibsbilde und hat doch auch sein Fleisch wie Andere, die Fränz war die Erste, mit der ich zu thun bekam. Sie wurde ganz und gar hirnverrückt und wüthend, und ich ein vollkommener Narr! ... Item sie schafft Rath, beredet ihren guten blinden Jakob, ihr einen Heimathschein ausfertigen zu lassen, lügt ihm vor, sie wolle ihre Freundschaft besuchen und in ihrer Heimath eine kleine Erbschaft holen, die sie gemacht habe, der Mann ist voller Freuden, sie geht, in Lenzkirch finden wir uns und reisen nicht gegen Bonndorf sondern durch das Höllenthal nach Freiburg und wutsch dich! saßen wir über dem Rhein, arbeiteten in einer Fabrik in Mühlhausen drüben und lebten wie Vögel im Hanfsaamen!
Nach einigen Monaten hatte ich das Elsaß und die Fabrik und die Fränz genug und wollte sie mir vom Halse schaffen. Aber sie hängte sich an mich wie eine Klette, als sie den Butzen merkte und ich verließ sie bei Nacht und Nebel. 'S freut mich noch, wenn ich mir vorstelle, wie sie am Morgen aufwachte, nach mir griff und nichts fand als das leere Nest, was mag Die für Augen gemacht, geschimpft und geflucht haben!—Ich hatte mich mit Kleidern gehörig ausstaffirt, trug ein wälsches Hemd oder eine Blouse, wie mans dort drüben nennt und ziemlich Geld in der Tasche, denn haushälterisch war die Fränz stets gewesen, das muß ich ihr nachsagen! Ich glaube wahrhaftig, daß ihre Verfluchungen mich verfolgten, denn geliebt hat sie den Donat, sonst würde sie nicht Mann und Kinder verlassen und mir angehangen haben!
Also ich laufe einige Tage, da begegnet mir be- [bei] Karlsruhe drunten ein Mann, fragt woher, wohin und was und da er hört, ich suche einen Dienst, gleichviel was für einen, angagirt er mich als Knecht, das heißt, ich mußte immer Fische nach Karlsruhe schleppen und Fischhäuser hüten. Mir gefiel Alles außer dem frühen Aufstehen, aber die Herrlichkeit dauerte nur kurze Zeit.
Muß ich just an des Großherzogs Geburtstag zu einem Wirth nach Karlsruhe und ihm sagen, er möge zu meinem Herrn fahren und die Fische holen, die bestellt worden seien; dieser läßt den Knecht einspannen und der Mathäubesle, also hieß der Knecht, ein fuchsrother Kerl voll Sommerflecken im Gesichte, der am Titisee daheim war, meint: Landsmann, fahr mit! ... Wir sitzen auf dem Wagenbrett, der Mathäubesle will zufahren, da fängt ein ganz verfluchtes Kanoniren an, der Gaul wird scheu, der Mathäubesle kann's nicht mehr halten, springt über die Leitern hinab, ich will unten durch, bleibe hängen und das wüthende Roß schleppt das Wägele sammt mir einige hundert Schritte weit, wo endlich einige Dragoner stehen und ihm den Weg versperren.
Kannst Dir denken, wie ich zugerichtet war; halbtodt wurde ich in ein fürnehmes Spital getragen. Keinen Fleck am ganzen Leib gabs, der mir nicht wehe that, ich war nur Eine Wunde und Ein Pflaster, lag viele Wochen elendiglich darnieder und wäre wohl nicht davon gekommen, wenn die Karlsruher Aerzte mich armen Kerl nicht so fleißig und sorgfältig besucht und für mich gesorgt hätten, als ob ich nicht der Donatle vom Schwarzwald, sondern ein Prinz wäre.
Die halbe Kost fing just an, mir recht zu schmecken, da wurde ich aus dem Spital entlassen und durfte nicht mehr zum Fischhändler, sondern wurde heimgewiesen mit dem Zeugniß, daß ich arbeitsunfähig sei und mich zuerst erholen müsse. Eines Theils war es mir nicht recht, denn der Fischhändler hatte ein Prachtsweib und dieses war zu mir in den ersten Tagen in die Kammer gekommen und hatte Dinge geredet, die mir klärlich zeigten, ein junger, starker Schwarzwälder sei ihr weit lieber als so ein alter, abgelebter Stockfisch, der ihr Mann hieß. Sie hätte mich gut gehalten, die Arbeit war ohnehin nicht weit her und große Lust zum Arbeiten hat mich mein Leben nie geplagt, wenn es nicht sein mußte. Anderseits gefiel mir aber auch das Herumziehen und als ich beim Sternen die Steig hinausging und mich wieder von meinen Bergen umschlossen sah, freute es mich gewaltig, doch dachte ich wieder ans Fortgehen nach einigen Wochen und die Sache kam so, daß ich bald gern ging von wegen der Fränz.
"Wie ist's denn der alten Schachtel gegangen?" fragt der Duckmäuser begierig.
"Besser als sie's verdiente![">[ ... Nachdem ich sie verlassen, zog sie einige Tage im Breisgau herum, wurde mit dem längst abgelaufenen Heimathsschein erwischt, heimtransportirt und zunächst zur Abkühlung 8 Tage in Schatten gesetzt. Dann wurde der Jacob in die Neustadt citirt, befragt, ob er sein entlaufenes Weib wieder wolle, er sagte Ja und sie ging mit ihm heim. Da sie alle Schuld auf mich geschoben hatte, bekam ich bei der Heimkunft auch meinen Theil und mußte 14 Tage sitzen. Zum Jacob wollte und durfte ich nicht mehr, wollte auch nichts mehr von der Fränz wissen. Geld hatte ich keines, Schaffen wollte ich nicht so schwer, essen und trinken hält Leib und Seele zusammen und um Etwas zu bekommen, langte ich zu, wo war, anfangs mit erschrockenem Herzen, bald kecker. Die Mutter war todt, der Stiefvater warf mich aus dem Hause, ein Handwerk konnte ich nicht, Taglöhnern kostet Armschmalz, ich zog in der Gegend herum, wurde auf dem Michaelimarkt in der Neustadt arretirt und auf 2 Jahre zu den Blaukitteln nach Bruchsal geschickt. Dies war schlimm, doch schlimmer war's, als ich nach 16 Monaten begnadiget wurde und mit Laufpaß heim mußte. Ein paar Zwilchhosen, ein Wamms von Sommerzeug, ein grobes Hemd, welches mir die Strafanstalt gab nebst einem paar Schuhen und einer Kappe, die ich einmal einem Besoffenen vom Schädel gerissen, war nebst 42 Kreuzern Alles, was ich auf Erden besaß, wie ich heimkam.