Wie konnte ich in solchem Aufzuge Arbeit suchen, mich vor den Leuten sehen lassen oder auch nur in die Kirche gehen? Die Fränz, kein Mensch wollte Etwas von mir wissen und doch war mir die Lust am Stehlen vergangen. Es gehört Spitzbubenglück dazu, ich hatte keine Fiduz und keine Courage mehr, um gleich wieder zuzugreifen. Ich ging hinüber in die Neustadt, trank mit den letzten 12 Kreuzern Muth und begab mich gerade zu auf das Amt, um zu melden: "ich wolle nicht mehr stehlen, aber ich müsse es, wenn ich keinen Heimathschein und keine Kleider sammt einigen Batzen bekäme, um anderswo Arbeit zu suchen; im Grunde wär's mir lieber hier, aber niemand wolle mich beschäftigen." Ein Herr vom Amte zog mitleidig den Geldbeutel, der Amtmann gab mir einen Rock, denn ich heulte wie ein Schloßhund und um Martini darf man auf dem Swarzwalde [Schwarzwalde] kein Zwilchwamms und sonst nichts tragen, wenn man nicht erfrieren will. Ein Schreiben an den Bürgermeister verschaffte mir Alles, was ich brauchte, sogar mehr, nämlich Grobheiten, weil ich nicht zuerst zum Bürgermeister, sondern gleich vor die rechte Schmiede gegangen war. Ich kannte den Vogt schon, er war ein unmenschlicher "Packer," der ja wußte, woran ich war und doch kein Zeichen that, als ob er mir helfen wolle.

Mit dem Heimathschein und einigen Batzen Geld zog ich ab, verkaufte in Freiburg den Rock des Amtmanns, weil ich ihn doch nicht ohne gehörige Hosen tragen und auch nicht zurecht machen lassen konnte und zog jämmerlich bis hinab nach Ettlingen, denn dort war Arbeit genug zu finden, weil eben die große Spinnerei gebaut wurde. Weil meine Papiere richtig waren, kümmerte sich die Polizei nicht um meinen Anzug und leeren Geldbeutel, denn Arbeit hatte ich auf der Stelle. Eine Wohnung zu finden, war keine Kleinigkeit, ich wurde an vielen Orten abgewiesen und wie eben die Armen am liebsten den Armen helfen, fand ich zuletzt bei blutarmen Leuten auch eine Wohnung. Kost konnten sie mir nicht geben, wollte auch keine, denn Kleider waren vor Allem nöthig; Kleider kosten Geld und mein Taglohn war nicht gar groß. Ja, der Donat kann arbeiten und hungern, wenn er muß; drei geschlagene Monate sah ich kein Stücklein Fleisch und keinen Tropfen Wein, sondern erhielt mich fast nur bei Brod und Milch, schlief dabei recht gut und konnte das schönste Weibsbild ansehen, als ob ich ein Klotz geworden wäre! ... Nach drei Monaten hatte ich aber nicht nur Kleider, sondern auch das ganze Wohlwollen der Werkmeister und insbesondere das der Tochter meiner Hausleute, ohne daß ich letzteres wußte, weil sie nie ein Bröselein davon verlauten ließ, wenn sie aus ihrem Dienst von Karlsruhe auf Besuch herüberkam. Als die Fabrik so weit fertig und Maschinen eingerichtet waren, saß ich einmal recht bekümmert nach 12 Uhr bei einem der letzten Sandhaufen in der Sonne und dachte an die Zukunft, da kommt auf einmal der Director der Spinnerei auf mich los, ein braver Herr, der mich oft im Auge gehabt, jetzt aber just fast das erstemal mit mir redete und sagte: "Donat, weil Er als Fremd so lang und fleißig hier gearbeit hat, will ick Ihn in die Spinnerei nehmen als Lehrlink. In 3 Mond kann Er die Sack, kriegt täglich 36 Kreuzer. Wenn Er keine dumme Deutsch ist, bekommt Er dann ein Maschin und verdient schön Geld! Was sagt er zu der Sack?"

Kannst Dir einbilden, Duckmäuser, daß ich da stand wie aus dem Himmel gefallen und zehnmal in Einem Brumm "Ja" sagte; ich muß roth und recht einfältig dreingesehen haben, denn der Herr lachte und meinte:

"Nehm' er nix für ungut, ich bin ein Franzos und sprecke etwas heroisch, bin hitzig, aber ick fresse keine Deutsch und meine es nit so böse!"

Der Herr Director wurde mein zweiter Schutzengel, wie der Pfarrer mein erster gewesen; sein Auge blieb stets auf mich gerichtet, er gab mir viele Ermahnungen und hielt mich von Vielem ab, denn der Teufel juckte wieder hollops in mir. Die Spinnerei wollte mir nicht gefallen, die Lehrmeister waren lauter Franzosen und neidisch, einen Deutschen zu lehren. Der Herr Director machte, daß ich als Zuschläger in die Schmiede kam, wo ich einen andern Director und täglich einen Gulden erhielt. Konnte es nicht lange aushalten, bekam Blutspeien und wurde fremd. Eben stand ich in meiner Kammer, um das Bündele zu schnüren, da ließ mich der alte Director kommen und machte mich herunter, weil ich so mir nichts dir nichts davonlaufen wollte, ohne ihm ein Brösele zu sagen und fuhr mich dann an:

"Gestern hab' ick die Mann, der an das laufende Maschin war, entlassen. Er liebt die Sauf und soll nit unglücklick werden. Will Er sick besser halten, als der Vorgänger, so thu' ick Ihn an seine Stell. Er bekam taglik einen Gulden zwölf Kreuzer, Ihm geb' ick acht und vierzig Kreuzer täglik, aber nock eine Gehilf, will Er?"

Kannst denken, wie froh ich war und es kam noch besser, denn die Käth, also hieß die Tochter der Hausleute, kam nach Hause, weil sie krank gewesen war und den Dienst bei der Herrschaft verloren hatte, bei der sie 6 Jahre in Einem Zug gedient hatte. Sie hatte die "Durchschlechten" gehabt, war noch sehr schwach, doch ein braveres Mädle wächst im ganzen Unterland nicht; ich wurde in sie ganz anders verliebt als in die Fränz, betrachtete die Käth wie eine Heilige, sie und der Herr Director haben mich vor Vielem bewahrt! —Vier Monate später führt der Satan den rothen Mathäubesle auch nach Ettlingen und dieser leichtsinnige Passagir wurde mein Freund, weil er mein Landsmann war, zog mich zum Saufen und Spielen, so oft er konnte und war mit den Weibsleuten nicht heikel! ... Untreu wurde ich der Käth nicht oft, aber nach 6 Monaten verfehlten wir uns und ich wäre ein schlechter Kerl, wenn ich sagte, sie sei schuld daran gewesen. Sie hat mich oft genug davor gewarnt und mir die Leviten gelesen, aber die Beste hat schwache Stunden und ich war in diesem Punkte kein Held wie Du, wenn's wahr ist!

Als die Eltern die Sache merkten, sollte ich auf einmal aus dem Hause und ging auch, weil ich das Heulen und Schimpfiren nicht mehr sehen konnte. Alle Sonntage traf ich mit der Käth in Busenbach zusammen, doch die Eltern waren ihr auf den Socken und wollten auch dies nicht mehr leiden.

Eines schönen Morgens muß ich vor Amt, der Asessor schnauzt und bellt mich an, ich müsse binnen 3 Tagen die Fabrik und den ganzen Amtsbezirk verlassen, wo nicht, so müßte mich der Gensd'arme holen. Ganz vertattert frage ich warum und da sagt er mir, ich hätte ein Mädchen mit einem Kind und sei auch schon in Bruchsal gesessen.

"Ja, das ist wahr, sage ich, aber darf ein Mensch, der seine Strafe erstanden und sich ehrlich und redlich ernähren will, nirgends mehr arbeiten?"—"Er kann arbeiten, wo Er will, aber in diesem Amtsbezirk ist's mit Ihm Mathäi am Letzten!"—Jetzt sage ich, der Asessor soll mir in den Heimathschein schreiben, weßhalb ich nicht mehr hier arbeiten dürfte, er aber sagt, ich habe es gehört, was zu thun sei und soll mich packen!