Auf dem Heimwege—am Tage Mariä Geburt wars!—traf ich ein Weibsbild, das ich schon früher gekannt hatte und nicht viele Flausen machte. Diese Apollon war viel jünger und netter als die Fränz, dafür aber schlimmer, wollte überall sein, wo es lustig zuging, vertrieb mir die Lust zur Arbeit, machte mich leichtsinnig und allgemach ging alles Geld fort, ich verkaufte alle meine Sachen, vergaß die Käth sammt meinem Kinde ganz und gar!
Höre Duckmäuser, Du hast Recht, es ist nicht das Aergste, daß Du den Alten umbrachtest, ich begreife, daß die Hannette oder Hindania oder wie das wälsche Mensch hieß, Dir weit mehr Gedanken macht!
Die Käth kam aus dem Unterland herauf, um mich zu besuchen, es wurde mir gesagt und ich ging so lange fort, bis ich glaubte, daß sie die Höllensteige wieder hinab sei.
Sie hinterließ mir bei der Adlerwirthin Wünsche für mein Glück und was ich suche, das werde ich schon finden, soll nur das Kostgeld für das arme Kind nicht ganz vergessen, sie bringe es nicht auf und ich kennte ja die Armuth ihrer Eltern!—Will's mir doch das Herz zersprengen, wenn ich jetzt in meinen Ketten an die Käth denke! ... Wie verlassen war ich an Vater und Mutter, wie oft und viel habe ich deßhalb schon geplärrt und jetzt mache ich's gerade wie der schlechte Unteroffizier!—Gottlob, daß der Vater der Käthe keiner ist, wie mein versoffener Stiefvater, der jetzt von seinen Buben in den alten Tagen gehauen wird trotz einem Tanzbären!— Käthe's Kind hat einen guten Großvater, er trug es immer auf den Armen herum, ohne daß er mich je leiden konnte und habe ihm doch mein Lebenlang nicht ein Augvoll Böses gethan! ... Ich fand bald, was ich suchte, nämlich das Zuchthaus, wohin mich eine That brachte, zu welcher ich von der erzliederlichen Apollon in der Besoffenheit beredet wurde. Wurde wegen Raub verurtheilt, Gott weiß, daß ich nie an Raub dachte, obwohl ich vielleicht bald wieder zum Stehlen gebracht worden wäre. Man hat mir nicht geglaubt, doch Du wirst mir glauben, Duckmäuser, denn wozu sollte ich hier lügen, wo Stehlen und Rauben fast Ehrensache sind? Verurtheilt bin ich, kann nichts daran ändern und denke eben, ich hab' die schwere Strafe an der Käth verdient und an meinem Kind, an denen ich schlecht genug handelte... Wegen Raub bin ich verurtheilt, doch höre, wie Alles zuging, pure Thatsachen!
Am 13. Juni heuer, es war an einem Sonntagmorgen und wunderschönes Wetter, beredet mich die Apollon sie zu begleiten, sie wolle nach Aha 'nauf, um eine alte Kamerädin zu besuchen. Wir gehen; der Himmel wölbte sich wie ein seidenes Sonnendach über die Berge, alle Matten prangten mit Millionen Blumen, der Titisee glänzte wie ein Metallspiegel, die alten braunen Hütten mit ihren Strohdächern sahen aus, wie großmächtige Aschenhaufen, wo die Buben und Mädle, der neumodischen steinernen kalten Paläste Johannisfeuer angezündet hatten, die Luft wehte mild und frisch aus den noch dampfenden Thälern am Feldberge, man hörte nichts als den Klang der Glocken, der durch die Tannenwälder zitterte, zuweilen einen Vogel oder einen Schuß oder einen Peitschenknall und hätte die Gegend für ausgestorben halten können, wenn nicht die stämmigen Mädle mit den gelben Strohhüten und altfränkischen Juppen mit ihren Burschen und das Herrenvolk aus Lenzkirch auf der Straße hin- und hergewandelt und aus allen Kirchen die Anhöhen hinauf und ins Thal hinab heimgegangen wären. Ich rauche gemüthlich das Pfeifle, betrachte Alles und sage endlich zu der Apel, die in Einem Zug fortschwätzt, ohne daß ich auf sie hörte: "Apel, ich glaubte, es ginge in eine Kirche; mir ist's, als ob meine Mutter auferstanden wäre, dort zwischen den Weißtannen immer herüberschaute und sagte: "Donatle, denk an Gott und bete, hast Niemanden auf der Welt!"[">[
Die Apel lacht laut auf und sagt: Hab's schon gemerkt, daß ein halber Narr neben mir wandelt. Du weißt, daß ich geschworen habe, erst wieder in d'Kilch zu gehen, wenn ich die Granatenhalsschnur habe, nach der du mir das Maul schon hundertmal wässerig gemacht hast. Gehe meinethalben in die Kilch oder zu der bucklichen Hanne, du Tropf und laß mich mit Frieden, hast mich doch nicht gerne!
"Apel sage ich—du kriegst die Halsschnur, sobald ich Geld habe. Aber wir hätten nach der Kirche auch noch den Weg nach Aha gefunden!"
Jetzt wird sie ernstlich böse, geht auf die andere Straßenseite, sagt: "Geh' in die Schweiz und werde Kapuziner, du Lalle! Ist da draußen nicht auch die Kilch? Bin ich schlechter als die Andern, die den ganzen Tag den Rosenkranz drillen? Na, na, die wüste "Unterländersau" steckt dir im Kopf, hast die Apel satt und willst anderes Futter, du schlechter, ehrloser Kerl!"
Sie sagt kein Wort mehr, ich habe nicht übel Lust, ihr von wegen der "Unterländersau" den Hals zuzuschnüren, daß ihr die Lälle zum bösen Rachen heraushängt, aber sie springt voraus, nachher reuts mich wieder und mache gutes Wetter. Ich sah wohl, daß die Apel mein Unglück sei, doch ich habe Niemanden auf der Welt und ein Weibsbild muß ich haben!—Wir laufen und laufen wieder selbander und kommen bald zum Rößle, wo es die Steig hinabgeht und links über die sumpfigen Matten durch Hinterzarten den Wald hinein, bergauf bergab nach Aha 'nauf. Sie wollte haben, daß ich mit ihr in den Sternen hinabginge und dort Forellen bezahlte, denn die Forellen der Posthalterin sind im ganzen Land berühmt und das Herrenvolk, das mit dem Eilwagen fährt, frißt im Sternen Forellen und sauft Markgräfler dazu, daß ihm der Ranzen zerspringen möchte. Die Apel that gar gern wie Herrenmenschen thun, war auch in der Hoffnung, wo man den Weibern nichts abschlagen soll, aber ich ging dennoch nicht in den Sternen, der Teufle führte mich in das Rößle ob der Steig und die Apel blieb nicht draußen und lief nicht allein weiter, wie sie gedroht hatte.
Wir fressen einen Kalbsbraten, 's war ein Stück so groß wie ein Roßkopf, dazu ein Scheffel Salat; der Wein ist ganz gut, die Apel und ich bürsten, daß es eine Art hat, obwohl wir nicht mehr einen Brabanter im Vermögen besitzen.