Besuche der Beamten tragen hier den Charakter einer Wohlthat an sich, sind ein mächtiges Mittel der Erholung, geistigen Anregung, Bildung, Versöhnung mit der Strenge des Schicksals und der Gesetze, der Besserung. Täglich in viele Zellen eilen, welche die verschiedenartigsten Menschen beherbergen, die verschiedenartigsten Gemüthsstimmungen antreffen, sich Lunge und Leber herausreden, aus verschiedenartig erwärmten Zellen in die eisige Zugluft der Gänge hinaustreten, Gerüche aller Art und Staub ebenfalls einathmen—es ist ein Geschäft, das im Laufe weniger Jahre die Gesundheit des kräftigsten Mannes erschüttert, ein Geschäft, welchem sich schwerlich Einer unterzöge, der nicht eine bedeutende Portion ursprünglicher Menschenliebe im Herzen hat.

Was bei andern Gefangenen selten oder nie der Fall sein wird, ist bei Zellenbewohnern der Fall: die ins Einzelnste gehende Controlle jedes Einzelnen, das Lesen seiner Untersuchungsakten, Briefe und Besuche unter vier Augen gewähren dem einsichtsvollen Beamten eine mehr oder minder vollständige Kenntniß jedes einzelnen Gefangenen.

Dieser müßte ein Heuchler erster Größe sein, wenn er mondenlang, jahrelang eine falsche Rolle spielen, sich nicht unwillkürlich in seinen Reden, Geberden, Handlungen als derjenige zeigen sollte, welcher er wirklich ist. Er wird offen, vertraulich, manchmal bis zur Unverschämtheit offen und vertraulich gegen die Beamten aus dem ganz einfachen und einleuchtenden Grunde, weil er keine andere Gesellschaft hat. Wo Sträflinge beisammen leben, kann der Beamte sich nicht leicht mit Einzelnen besonders abgeben, muß Einen wie den Andern behandeln und der Gefangene findet gar keinen Grund, weßhalb er einem Beamten Blicke in sein Innerstes gestatten, sich dadurch in den Augen desselben herabsetzen sollte, zumal das natürliche Interesse ihn auffordert, nur seine Lichtseiten leuchten zu lassen, um sich Wohlwollen zu erwerben. So gewöhnlich Verstellung und Heuchelei in gemeinsamer Haft sind, so leicht eine mehr oder minder falsche Rolle hier mit Glück gespielt werden mag, weil der in der Heuchelei liegende Zwang nur ein sehr vorübergehender ist—so selten mag in Zellengefängnissen in die Länge und mit Glück geheuchelt werden. Es wird für den Zellenbewohner zur psychologischen und moralischen Nothwendigkeit, sich so zu geben, wie er ist und dieses setzt die Beamten in Stand, Jeden nach seiner eigenthümlichen Art und Weise zu behandeln. Je mehr aber Einer nach seiner Art und Weise behandelt wird, desto mehr wird er uns seine Zuneigung und sein Vertrauen zeigen.

Durch nachläßige, taktlose oder unmenschliche Behandlung der Zellenbewohner von Seite der Beamten und Angestellten mag wohl die gute Wirkung des Einzelsystems sich häufig genug in das Gegentheil verkehrt haben und man bürdete dem System die Schuld untauglicher Angestellten und Beamten auf, nicht zu vergessen des Wahnes, man bedürfe keiner besondern Bildung, um als Beamter unter Sträflingen zu wirken, könne jeden Schreiber und Tabellenheld dazu brauchen ... Ein geistreicher und berühmter Rechtsgelehrter sagte uns vor einiger Zeit, die einsame Haft sei eine "Pferdekur;" wir stellen Solches keineswegs in Abrede, meinen jedoch, bei Menschen, welche mehr oder weniger Thierisches und Unterthierisches an sich tragen, schade eine Pferdekur wenig und der Schmerz derselben werde um so erträglicher und fruchtbringender, heilsamer, je geschickter der Arzt sei!

Der Duckmäuser ist heute verstimmt, der Morgen ist so trüb und unfreundlich, Wind und Wetter, die verschiedenen Zeiten des Tages und der Nacht, des Jahres, manchmal auch der Wechsel des Mondes üben einen so großen Einfluß auf das Gemüth Einsamlebender aus!

Er thut heute, was er als alter Gefangener selten oder niemals zu thun pflegt, fängt nämlich an, nachdem er eine kleine Abhandlung über eingelegte Schreinerarbeit zum Besten gegeben, über die lange Dauer seiner Gefangenschaft zu reden und von der Wahrscheinlichkeit, daß er wohl hier sterben müsse.

Die Hausordnung gibt jedem andern Gefangenen Hoffnung auf Berücksichtigung von Gnadengesuchen, wenn die Hälfte der zuerkannten Strafe überstanden ist —doch was geht dies einen Gefangenen an, dessen Todesstrafe in lebenswieriges Gefängniß umgewandelt wurde? Für ihn ist die Zelle in der That ein Sarg, er ist ein Lebendigbegrabener und dennoch bleibt er ein Mitglied der menschlichen Gesellschaft, denkt lieber an die Erde als an den Himmel und findet in den Besprechungen dieses einen Ersatz für die Entbehrung der Genüsse, welche jedem Bettler zu Gebote stehen.

Die Einsamkeit vermehrt den Alpdruck des vernichtenden Wortes: "lebenswierige Gefangenschaft", er hat die Bedeutung dieses schauerlichen Wortes erst in neuerer Zeit recht fühlen gelernt!

Was soll der Director thun? Dem Unglücklichen den Schein jeder Hoffnung nehmen und die düstere Stimmung desselben vermehren? Nein, er redet von der Möglichkeit dereinstiger Befreiung, von Auswanderung nach Amerika und scheidet aus der Zelle, einen Glücklichen hinter sich zurückzulassen.

Numero Hundertzehn schaut ihm gerührt nach; ist dieser auch nicht im Stande, ihn dereinst zu befreien, so wünscht er doch, dieses thun zu können; Theilnahme und Wohlwollen eines Freien und Glücklichen sind aber für den Gefangenen unschätzbare Güter und die Hoffnung stirbt erst mit ihm.