Er steht vor dem Kalender, trägt nicht übel Lust, den heutigen Tag roth anzustreichen, doch läßt er es bleiben und greift frischer und muthiger als je nach seinem Hobel und je näher die Einbildungskraft das Jahr der Befreiung herbeizaubert, desto ärger hobelt er darauf los!
Abermaliges Schellen, Aufschließen der Zellenthüren, Herausmarschiren vieler Gefangenen. Es ist eilf Uhr, heute wird Religionsunterricht für Katholiken ertheilt, die Religionsstunde der Evangelischen ist bereits vorüber. Bald kommt die Reihe des Marsches an Numero 110; noch einige eilige Hobelstöße, dann rüstet er sich wieder aus, wie zum Gange in den Hof, jetzt öffnet sich die Thüre abermals und 110 eilt 109 nach durch den Gang, viele scharfbewachte Stiegen hinauf in die Kirche.
Die amphitheatralisch gebaute Kirche des Zellengefängnisses zu Bruchsal zu beschreiben, wäre zu weitläufig; es genügt zu wissen, daß jeder Gefangene seinen besondern Verschlag hat, eine Art Miniaturzelle, welche ihm das Sitzen, Knieen und Stehen gestattet und so eingerichtet ist, daß Keiner den Andern, Jeder den Altar, die Kanzel, den Priester, einzelne Aufseher zu sehen vermag, denen keine seiner Bewegungen entgeht.
Numero 110 hängt die Zellennummer an ihrem bestimmten Platze auf und bald erscheint der Geistliche auf der Kanzel, um den Religionsunterricht zu beginnen.
Derselbe pflegt gewöhnlich in einer Reihe zusammenhängender Vorträge dieses oder jenes Buch des neuen Testamentes zu erklären, doch seit einiger Zeit belehrt er über die heiligen Sakramente der Buße und des Abendmahles und macht den klaren, schönen Vortrag durch das Einmischen von Stellen aus den Werken namhafter Gottesgelehrten noch anziehender, nicht ohne die Einwendungen und Angriffe der hauptsächlichsten Gegner der katholischen Lehre zu berühren und mit jener eindringlichen Ruhe abzuweisen, welche die Frucht eigener tiefer Ueberzeugung ist.
Heute behandelt er insbesondere die wahrhafte, wirkliche und wesentliche Gegenwart Christi im Abendmahle, eine Lehre, welche Allen, die die Liebe nicht vollkommen verstehen oder die Wirkungen dieses hochheiligen Sakramentes nicht an sich selbst empfunden haben, unbegreiflich, sinnlos, ja als eine Herabsetzung und Entwürdigung Gottes erscheint, während die Andern den Triumpf der Religion in ihr vollendet sehen.
"Will gar nicht verlangen, daß Gott mit mir Eins und ich selbst dadurch gottähnlich werde, dürfte ich nur menschenähnlich sein und beim Straßenbasche als der ärmste Taglöhner leben! ... Um mich hat sich Gott niemals bekümmert, Seine Liebe und der Fluch meines Lebens reimen sich nicht zusammen! ... Wenn der Pfarrer wieder kommt, soll er eine harte Nuß zum Aufbeißen haben!" ... denkt der Benedict, während der Geistliche verschwindet, die Verschläge nach einander wiederum geöffnet werden und er die Schneckenstiegen hinab in den Gang und in seine Zelle marschirt.
Der Geistliche eines Zellengefängnisses hat besondere Vortheile vor andern Gefängnißgeistlichen. Erstens kann er die ganze Religionsstunde seinem Vortrage widmen und den Stoff desselben verdoppeln und verdreifachen; zweitens kommt er zu jedem einzelnen Gefangenen, spricht mit diesem unter vier Augen und kann sich vom Eindrucke überzeugen, welchen sein Vortrag machte, denselben wiederholen, ergänzen, vertheidigen, bei Neueingetretenen mit Früherm vermitteln; drittens endlich ist er keinen Verdächtigungen und Verleumdungen ausgesetzt, während der Sträfling so wenig von Hohn und Spott als von falscher Schaam weiß, dazu Zeit und Gelegenheit besitzt, Etwas für seine religiöse Ausbildung zu thun und zudem die Gedanken, welche sich ihm während der Religionsstunde aufdrängten, in der Einsamkeit nicht anhaltend zu verscheuchen vermag.
Bei Leuten, welche nur für kurze Zeit verurtheilt sind, mögen Gleichgültigkeit oder Leichtsinn die Oberhand behalten, bei Solchen, welchen die Liederlichkeit und Gottverlassenheit zur zweiten Natur geworden, mag die Religion der Liebe manchmal als Religion des Schreckens wirken und mancher alte Sträfling mag bleiben, was er längst geworden oder stets gewesen ist.
Von der Stadt herüber läuten die Mittagsglocken, die ablösende Wachmannschaft eilt gemessenen Schrittes über die Ringmauer. Schon beim Gang aus der Kirche stieg ein vielversprechender Duft aus der Küche des Mittelgebäudes, jetzt ertönt ein mehrstimmiges Schellen, dann das Klirren der Eßkessel und Schöpflöffel und der eilige Schritt der Aufseher, welche sich in der Küche sammeln, um die Portionen für ihre Pflegbefohlenen abzuholen. Heute ist kein Fleischtag.