Numero 110 klappt den Tisch an die Wand, das Vorderblatt desselben ist eine schwarz lakirte Schultafel, er greift zur Kreide, vertieft sich in den pythagoräischen Lehrsatz und berechnet alsdann, wieviel Kubikzoll die Commode enthalten werde, welche unter seiner kunstfertigen Hand entstehen soll.

Todtenstille herrscht minutenlang ringsum, die meisten Aufseher sind den Beamten zum Essen nachgeeilt, aber wenn Jemand im Mittelbau eine Schüssel fallen läßt oder sich nur herzhaft schnäuzt, können es sämmtliche Bewohner der vier großen Flügel und die Nächsten so deutlich als die Fernsten vernehmen. Wenn der Spruch: Wände haben Ohren—irgendwo gültig und die Allwissenheit der Beamten irgendwo mehr als Redensart ist, so wird dies sicher in einem Zellengefängnisse der Fall sein. Auf ihren Bureaus vernehmen die Beamten jedes laute Wort und jedes auffallende Geräusch, selbst wenn es von den äußersten Enden der Zellenflügel ausgeht.

Jetzt scheinen selbst die sonst so geschwätzigen, zänkischen Spatzen Siesta zu halten, selten flattert einer vor dem Gitterfenster von Numero 110 vorüber und noch seltener sitzt einer vor dem Fenster, um sein graues Röcklein zu putzen oder dem Gefangenen einen bessern Appetit zuzuzwitschern.

Letzteres ist auch nicht nöthig, denn obwohl der Duckmäuser den Hirsebrei nicht liebt, so haßt er doch den Hunger noch weit mehr, folglich hat der Brei bereits das Ziel seiner Bestimmung erreicht.

Die Zellenbewohner haben ihre Ruhestunde, dieselbe wird ihnen nicht zur Stunde des Verderbnisses, sondern sie lesen, schreiben, rechnen, zeichnen, machen freiwillig an ihrer Arbeit fort, wenn dieselbe kein Geräusch verursacht, oder gehen acht Schritte vorwärts und acht rückwärts und wer in einem der Höfe steht, mag auch manches langgedehnte Gähnen, zuweilen ein schweres Aufseufzen, ein lautes Selbstgespräch, vielleicht einen Versuch, zu singen oder zu pfeifen, gleich darauf das Aufgehen einer Thüre, das anklagende Gebrumme eines zweibeinigen Stückes der fleischgewordenen Hausordnung und dazwischen das Hohngelächter des vorüberrauschenden Eisenbahnzuges zu Ohren bekommen.

Der Benedict hat den Magen mit "Hersch", den Verstand mit Zahlen und geometrischen Figuren angefüllt, doch sein Gemüth blieb unbefriediget und was der Director mit seinem Besuche gut machte, hat der Pfarrer mit seinem Vortrage verdorben und besonders Eine Aeußerung desselben ist tief in Benedicts Seele gedrungen und fällt ihm stets von Neuem bei, er mag anfangen was er will:

"Wer unwürdig meinen Leib ißt und mein Blut trinkt, der ißt und trinkt sich selbst das Gericht!"

Wie oft nahte er sich aus Gewohnheit, um seines Rufes willen oder um die Worte der Mutter zu erfüllen, dem Tische des Herrn!

In der Kaserne hatte er sich allgemach von diesem Gebrauche emancipirt, er wurde ihm lästig, das Aufgeben desselben brachte ihm eher Ansehen als Schaden, bei Meister März faßte er vollends einen Ekel gegen die demüthige Aufgeblasenheit und den weinerlichen Ingrimm der "Diener am Worte" und deren Lämmlein, aber im Zuchthause hatte er sich regelmäßig zum Beichten und Communiciren verstanden, um nicht in den obern Regionen in Mißcredit zu kommen.

Den Spruch, welchen der Geistliche heute vorbrachte, hörte er schon früher hundertmal, doch niemals schlug er ihm so in die Seele, er greift nach seiner Bibel und wundert sich selbst, weßhalb ein einziger Vers ihn so unheimlich auf einmal berühren und zu beschäftigen vermöge.