Viele andere Umstände ließen sich nur dadurch erklären, daß man dieselben dem blinden Zufalle oder—dem allwissenden Gott in die Schuhe schob und dieser Gott sollte ein allliebender und allbarmherziger sein? Gegen tausend Andere wohl, gegen mich war er ein Tyrann! sagte der Benedict hundertmal, wenn der Schmerz ob dem verlornen Lebensglücke zuweilen gewaltig in ihm aufzuckte und die Trauergeschichte vom weißen Federbusch bestärkte ihn in der Meinung, ein von Gott Verstoßener oder zum Unglücke Erkorner zu sein.

In der Zelle erwachten mit den Jugenderinnerungen auch die Erinnerungen an das vielfache Kreuz und Elend, welches er den Eltern bereitete und er gelangte zur Einsicht, ein Kind, welches seinen Eltern großen Kummer verursache, dadurch ihre Freude am Leben zerstöre und sie vor der Zeit ins Grab stürze, sei eigentlich auch ein Elternmörder und der Tod der Eltern eigentlich auch ein gewaltsamer.

Von diesem Standpunkte aus fühlte er sich des Mordes beider Eltern schuldig.

Allein gibt es nicht Kinder seiner Art genug und keine Seele denkt daran, sie deßhalb ins Zuchthaus zu stecken?

Er begriff sein Schicksal so wenig als die heimlichen Qualen seines Herzens, hoffte vom Tode Ruhe, gegen diese Hoffnung erhob sich fortwährend die Religion und heute wurden Hoffnung und Ruhe durch die Worte:

"Wer meinen Leib unwürdig ißt und mein Blut unwürdig trinkt, der ißt und trinkt sich selbst das Gericht!" abermals heftig erschüttert.

Wenn diese Worte keine leere Drohung enthielten, wäre ich nicht schon hienieden ein gerecht Gerichteter? Wenn der Tod das, was in mir lebt, nicht zerstörte, wie würde es mit mir im Jenseits aussehen? Hienieden vieljähriges Kerkerleiden bis zum Tode, dort endlose, ewige Qual, schauderhafter Gedanke!

Diese Fragen beschäftigen den Spaziergänger, in die Zelle zurückgekehrt, schneidet er ellenlange Hobelspäne, arbeitet darauf los, daß große Tropfen von seiner Stirne rinnen, wird wirklich seiner wunderlichen Grillen Herr und ist im Stande, beinahe zu lächeln, wie er die Gangschelle zur Schule rufen hört. Eilig schlüpft er in den grauen Kittel, greift nach Mütze und Nummer, Schiefertafel und Schreibzeug und kaum öffnet der Aufseher die Thüre, so ist er bereits dem Mittelbau nahe und klimmt die Wendeltreppen hinan.

Er darf eilen, denn der Gang ist ziemlich leer, die meisten seiner Nachbarn mögen einer andern der 6 Klassen angehören, mit welchen sich zwei Lehrer beschäftigen oder auch das 36ste Lebensjahr zurückgelegt haben, in welchem Falle sie zur Altersklasse gezählt werden, die einigemal wöchentlich in der Kirche versammelt und durch Vorlesen aus einem gewählten Buche für den Schulunterricht einigermaßen entschädiget wird.

Das "Grabhemd" auf dem Kopfe tritt Numero 110 in die Schulstube und in seinen besondern Verschlag, hängt die Nummer auf, läßt sich einschließen, setzt sich und harrt mit stiller Sehnsucht, bis der Aufseher commandirt: