"Kappen herunter!"

In demselben Augenblicke wird der Oberlehrer den hohen Catheder besteigen, die Schüler seiner obersten Klasse werden ihn freundlich begrüßen, er wird den Gruß freundlich erwiedern, die Nummern herablesen und den Unterricht beginnen.

Wie in der Kirche sieht auch in der Schule kein Gefangener den Andern, dagegen Jeder den Lehrer, die Aufseher, Rechentafel, Landkarten u.s.w. Freilich hört hier Jeder die Stimme der aufgerufenen Nummern und mag aus der Mundart den Seehasen vom Pfälzer, den Schwarzwälder vom Odenwälder, das Stadtkind vom Dorflümmel leicht unterscheiden, ja der Benedict hat sogar in der vorigen Stunde die Stimme des Exfouriers und des Spaniolen vernommen, erkannt und im Gedächtnisse behalten, jener sei Nro. 349 und dieser Nro. 27, aber was kann solche Entdeckung nützen oder schaden? Nro. 110 weiß nicht genau, wo Nro. 349 in der Schulstube oder in welcher Zelle er sitzt, was er treibt und wenn er es auch wüßte, ja wenn beide Nachbarn wären und es ihnen gelänge sich Zeichen gegenseitigen Erkennens zu geben—Gefühle und Gedanken tauschen sie innerhalb dieser Anstalt nicht aus, der erste Versuch dazu würde auch zum letzten und müßte von großem Glücke begleitet sein, um erst nach dem Gelingen entdeckt zu werden, in jenem Austausche aber liegt die Hauptgefahr der Sträflingsgesellschaft.

Mag Einer sich dem Nachbarn auch durch Trommeln an die dicke Wand bemerkbar machen, lange dauert solches Trommeln gewiß nicht, auch ist noch niemals gehört worden, daß dadurch die Abschreckung oder Besserung eines Gefangenen beeinträchtiget wurde und die Versuche, mit einander zu reden, haben völlig ein Ende, seitdem die Oeffnungen der Luftkanäle vergittert wurden.

Der Wachtstubenwitze reißende und halbgelehrte Spöttereien über alles Hohe und Heilige zu Markt tragende Exfourier, der sozialdemocratische, selbstsüchtige Spaniol vermöchten dem Benedict nur noch zu schaden, weil er mit Beiden einst zusammenlebte und ein treues Gedächtniß besitzt— jedenfalls ist die Schule des Zellengefängisses der letzte Ort, wo die Hausordnung oder gar Religion und Sittlichkeit irgendwie Gefahr zu laufen vermöchten.

Der achteckige, thurmartige Mittelbau, von welchem die vier Flügel ausstrahlen, erscheint uns überhaupt als ein Sinnbild der Ordnung, welche nicht nur im Zellengefängnisse zu Bruchsal, sondern im großen Zuchthause der Welt herrschend sein sollte.

Im untersten Raume findet sich die Küche, ob derselben Stuben der Werkmeister, Oberaufseher, noch höher die Zimmer der Beamten, welche allgemach zu den Schullokalen emporsteigen, zu oberst aber steht die Kirche, während die bewaffnete Macht draußen an den Ringmauern, den äußersten Gränzen des Reiches verweilt und die Gehüteten nicht beständig an das Mißtrauen der Regierenden mahnt.—

Bereits steht der Oberlehrer auf dem Catheder, kritisirt die eingelieferten Aufsätze und läßt zwei derselben laut vorlesen.

Beide sind ziemlich lang gerathen, man erkennt bald, daß die Verfasser ihren Kopf beisammen hatten und beide zeigen einen Reichthum der Gedanken, einen dichterischen Schwung der Sprache, die wir bei Zellengefangenen ebenso häufig als auffallend finden.

Der erste Aufsatz ist von Nro. 62 und behandelt die Frage, weßhalb der Reichthum nicht nothwendig zum Glücke gehöre, den zweiten hat Nro. 205 geliefert, dieser sucht den Begriff vom Glück und Unglück festzustellen und findet, daß es für einen Menschen, der Religion nicht nur besitze, sondern religiös sei, kein eigentliches Unglück gebe, somit in der religiösen Durchdrungenheit das Geheimniß des wahren Glückes zu suchen sei. Nro. 62 ist ein blutarmer und, wie sich dies bei seinem Gewerbe fast von selbst verstehen soll, fast immer betrunkener Postillon gewesen, der so wenig daran dachte, durch seinen Jähzorn jemals in ein Zuchthaus zu gerathen, als daran, in diesem bitterbösen Hause ein meisterhafter Schuster und ein Mensch zu werden, der Geschriebenes und Gedrucktes geläufig lesen und noch viel Schönes und Nützliches dazu lerne. Nro. 205 ist ein ehemaliger Soldat, der mit seinen Schulmeistern ein besonderes Schicksal hatte. Der erste derselben war ein alter, braver Mann, der die weitschichtige Gelehrsamkeit der neuen Schulmeister nicht mehr faßte und alle Neuerungen, gute und schlimme, haßte. Dafür wurde auch er gehaßt, verfolgt und verspottet. Wie die Alten sangen, so zwitscherten die Jungen und als der Mann starb, kam ein junger Lehrer, der sich ganz nach dem Willen der Mehrheit seiner Schüler richtete und deßhalb die halbe Zeit keinen Unterricht gab oder die Stunden mit Geschichtlein tödtete. Nro. 205 war als einer der stärksten und größten Buben im Anfeinden des alten mit im Verherrlichen des neuen Lehrers ein Anführer gewesen und wurde aus der Schule entlassen, ohne daß ihn ein schwerer Schulsack drückte. Erst im Zuchthause hat er den Schaden erkannt und verbessert.