Weil die Einzelhaft eine neue und aus fernen Landen zu uns gekommenne [gekommene] Einrichtung ist, welche je nach Clima, Lebensweise und Charakter eines Volkes Verschiedenheiten der Durchführung erheischt, über deren Art und Zweckmäßigkeit lediglich die Erfahrung allmählige Belehrung zu geben vermag, muß besonders auch der Gefängnißvorstand ein denkender und mit vielseitiger Bildung ausgerüsteter Mann und nicht etwa ein alter ausgedienter Soldat sein, wie dies manchmal in England stattfindet. Gediente Soldaten geben gute Oberaufseher und Aufseher; wo die Ordre anfängt, hört gemeiniglich ihr Denken auf, je nach der Ordre hauen sie den Gefangenen ebenso bereitwillig in Krautstücke als sie denselben noch als menschenähnliches Wesen passiren lassen und so vortrefflich solche Eigenschaft untergeordneten Werkzeugen ansteht, so mißliche Folgen würde sie nach sich ziehen, wenn der Vorstand einer Besserungsanstalt ein abdecretirter Schnurrbart wäre, der Menschen jeder Art als Maschinen betrachtete und bald im Vollgefühle seiner Unwissenheit und Ohnmacht Fünfe gerad sein ließe oder blind und brutal in Alles hineinblitzte und hineindonnerte, was nicht ganz nach seinem Kopfe ginge.

Weil Menschen und die allseitigen Wirkungen von Einrichtungen bis ins Kleinste studirt, Alles auf bestimmte Zwecke gerichtet und alle Zwecke Einem großen Zwecke untergeordnet werden müssen, deßhalb muß der Vorstand ein organisirender Kopf und weil ein Arzt jedenfalls am meisten Gelegenheit besitzt, sich theoretische und praktische Kenntnisse über den Menschen und das Volk, Krankheiten des Leibes und der Seele und unserer gesellschaftlichen Zustände zu erwerben, endlich weil Zellenbewohner in mancher Beziehung Ausnahmsmenschen werden und Einem Arzte sehr viel zu schaffen machen, wenn auch der Krankenstand ganz unbedeutend bleibt, deßhalb möchte es gut und zweckmäßig sein, wenn auch der Gefängnißvorstand ein Arzt ist.

Die Verhältnisse eines Zellengefängnisses drängen von selbst darauf hin, daß entweder der Doctor vielfach zum thatsächlichen Vorstande und der Vorstand zu seinem Figuranten würde oder daß Beide sich in die Haare gerieten, wobei der Staat und die Gefangenen am Schlechtesten bestünden, wenn der Vorstand ein alter Soldat oder ein einseitiger Fachmensch überhaupt wäre.

Ein ehemaliger Offizier, der ein bischen vom Rechnungsfache verstünde, möchte sich zum Vorstande einer Anstalt mit gemeinsamer Haft vortrefflich eignen, schwerlich dagegen zum Leiter eines Zellengefängnisses.

Nro. 110 gehört zu jenen vielen Zellenbewohnern, welche ihren leiblichen Zuständen große, oft arg übertriebene Aufmerksamkeit zuwenden und denen ein bischen Mattigkeit in den Gliedern oder Reißen im Kopfe leicht Gedanken an schwere Krankheiten und das gefürchtete Brett der Anatomie erregte. Sie plagen und quälen den armen Doctor mit ihren Einfällen und Fragen und wenn er nicht darauf einzugehen Grund findet oder gar darob lächelt, dann halten sie ihn für einen halben Unmenschen, geht er darauf ein, für einen ganzen Dummkopf und macht er die Sache mit einem Thee oder einer Arznei statt mit Krankenkost ab, für einen vollendeten Tyrannen.

Heute weiß der gute Benedict sehr viel von Magenknurren zu erzählen und weil der Doctor ihn mit den violetten Knödeln tröstet, welche morgen aufgetischt werden, wird er melancholisch und redet von Todesahnungen, welche ihm jener wiederum auszureden sucht.

Kaum ist der Arzt fort, so tritt der Aufseher herein und lößt das Bett von der Wand ab. Unser Gefangener arbeitet noch einige Zeit und bringt es über das Tagwerk hinaus, dann läutet es wiederum in allen Flügeln auf einmal, wiederum klirren die Eßkessel, wiederum eilen die Aufseher der Küche zu, Benedict hört, wie sein Aufseher von Zelle zu Zelle geht, die Schalter zuschlägt und gute Nacht wünscht, bald fliegt auch sein Schalter auf, sein Schüsselchen wird gefüllt, der Schalter fährt zu und Benedict betrachtet wehmüthigen Blickes die Königin der Zuchthaussuppen, eine braune, ihm gar fad vorkommende "Wasserschnalle."

Doch—in der Kaserne bekam er Abends gewöhnlich Nichts, jetzt ist er hungrig, dort drinnen im braunen Schränklein findet er Salz, er salzt und ißt die Suppe. Nicht lange darnach tritt der Werkmeister zum letztenmal für heute herein, er nimmt die schneidenden Instrumente aus der Zelle weg, der Korb mit Hobelspänen wird in den Gang hinausgestellt, man sagt sich gute Nacht. Bald verhallen die Schritte der forteilenden Werkmeister und Aufseher draußen im Gange, alsdann herrscht Todtenstille, höchstens die fallenden Tropfen einer Brunnenröhre, die Schritte eines Nachbars, das starke Husten oder Aufseufzen desselben unterbricht diese Stille.

Leise und unhörbar schleichen die Aufseher in Filzschuhen oder in Socken durch die Gänge, kein Mensch sondern die Einsamkeit will mit dem Benedict eine ernste, schwermüthige Unterhaltung beginnen, eilig greift er nach dem reichhaltigen Lesebuch von Döll, dann nach der belehrenden "Menagerie" von Drugulin und ließt, dort über die Gasarten, was übermorgen in der Schule verhandelt werden soll, hier über die Wildschweinjagd mit Wurfspießen im fernen Indien.

Plötzlich lärmt die Hausschelle durch die Todtenstille und befiehlt, daß alle Lichter gelöscht werden, alle Gefangenen sich zu Bette legen müssen. Eilig legt Benedict sein Buch weg, klappt Tisch und Bank wiederum an die Wand und löscht die Lampe aus.