Tabaksqualm verscheucht diese kleinen, blutgierigen Ungeheuer, aber der Gefangene darf nicht rauchen und muß sich begnügen, die Schnaken todzuschlagen [todtzuschlagen], wenn sie angefüllt von Blut träge an den Wänden sitzen und nicht weit zu fliegen vermögen. Wahrend der Obermeister den Ankläger der Schnaken anhört, überschaut er mit einigen Seitenblicken Alles und wenn Etwas am unrechten Nagel hängt, nicht vorschriftsmäßig aufgestellt oder hingelegt ist, darf der Zellenbewohner einer Ermahnung gewiß sein, wenn aber gar irgend ein Verstoß gegen die Reinlichkeit aufzutreiben ist, dann bleibt eine Zurechtweisung nicht aus.
Wieviel Schweiß und Aerger haben die kleinen Ziegelplatten des Zellenbodens den Benedict schon gekostet, den feinen, ungesunden Staub abgerechnet, der sich von denselben ablößt!
Jetzt versteht er sein Geschäft besser, der Obermeister vermag nichts zu entdecken, was der Reinlichkeit widerspräche, denn es fehlt zwar nicht an Sägspänen, Hobelspänen, Gerüchen des Holzes und der Politur, zumal das obere Fenster geschlossen ist, aber in welcher Schreinerwerkstätte der Welt fehlt es an diesen Dingen? Oder wo gibt es irgend eine Schusterboutique, aus welcher der Geruch von Leder und Pech verbannt ist oder einen Webstuhl, in dessen Nähe es nicht von Zeit zu Zeit nach Schlichte riecht?
Arme und reiche Handwerker sind an solche Dinge gewöhnt, die sich nicht vermeiden lassen, Gewohnheit stumpft gegen den schlimmen Einfluß derselben ab, weßhalb soll und wie soll der Zellenbewohner dagegen geschützt werden?
Tadeln ist in allen Dingen leicht, Verbessern häufig schwer.
Frische Luft und Reinlichkeit sind für die Gesundheit des Gefangenen wichtige Artikel, in Bruchsal ist in dieser Hinsicht das Möglichste geleistet, die Ziegelplatten der Zellenböden möchten freilich nicht viel taugen, aber sie sind nun einmal da, lassen sich nicht über Nacht wegbringen und leicht ohne große Kosten durch etwas Besseres ersetzen, dagegen läßt sich die Reinlichkeit jedes Einzelnen leicht controlliren.
Der Oberaufseher wünscht freundlich guten Abend und eilt zu Nro. 109 hinüber. Ein Herbsttag geht rasch vorüber, ehe man sichs versieht, ist die Dämmerung da. Die verschiedenen Zeiten des Jahres und Tages, die Wechsel der Witterung üben auf den Menschen Einfluß aus und wenn dieser Einfluß bei vielen Zellenbewohnern noch bemerkbarer wird als bei andern Gefangenen, so rührt dies wohl daher, weil ihr äußeres Leben ein ziemlich armes und einförmiges ist. Ein kurzer, trüber Herbsttag stimmte den Benedikt trübe und melancholisch, der Abend brachte ihm gar schwermüthige Gedanken. Er dachte an das Abendläuten, Lichteranzünden und an die Heimgärten im fernen Dörflein und war froh, als der Aufseher den Schalter öffnete, um den Wasserkrug zum letztenmal für heute in Empfang zu nehmen und das Licht anzuzünden.
Er griff wiederum zum Hobel, um die Grillen durch Arbeit zu verscheuchen, doch wollte es ihm nicht recht gelingen und zuweilen tief aufseufzend blickte er durch die Gitter zum dunkeln, sternenleeren Nachthimmel empor.
Abermals öffnet sich die Thüre und der Arzt tritt herein.
Dieser muß nicht nur seine Kranken, sondern auch alle Gesunden fleißig besuchen und fast noch mehr Seelenarzt als Leibesarzt sein.