Weßhalb eine ungewöhnliche Ausdehnung des Unterrichtes bei Zellenbewohnern?
Vom Buchstabenmalen und Zahlen zusammenzählen steigert sich Alles bis zum Auflösen von Gleichungen, Berechnungen des Kreises und Lösungen von Aufgaben, welche einige physikalische, chemische und sogar astronomische Einsichten voraussetzen. Weil Zellenbewohner aus innerm Antriebe gerne lernen und im Lernen so ziemlich ihre einzige Erholung finden, deshalb schreiten Viele auch rasch und sicher fort und sollen sie dafür mit Stillstand bestraft werden, für den sich nirgends ein Grund auftreiben ließe?
Weßhalb sollen Schwerverurtheilte, deren jugendliches Alter vielmaligen Schulbesuch gesetzlich sanctionirt, ohne ihre Schuld und noch mehr wider ihren Willen in den Mitteln des Fortschreitens zur Bildung und Besserung verkürzt werden? Die in der That ganz vortreffliche Hausordnung von Bruchsal ermuntert und belohnt sogar den Schulfleiß, erkennt in der Schule überhaupt ein mächtiges Mittel gegen geistige Verknüpfung und Versumpfung und daß es in ihr nicht gar zu hochgelehrt hergehe, dafür ist schon gesorgt, weil die meisten Sträflinge einen ziemlich armseligen und manche gar keinen Schulsack in die Zelle bringen.
Die Lehrer haben mit dem ABCschützen und Dummen überflüssig genug zu thun und sollen sie nun auch mit den weiter Fortgeschrittenen und Talentvollen dazu verurtheilt werden, Papageienrollen zu spielen und in diesem Jahre durchaus dasselbe zu schreien, was sie im vorigen Jahre geschrieen?
Wenn ein entlassener Zellenbewohner ungefähr weiß, was jeder ordentliche Realschüler zu wissen vermag, so weiß er noch lange nicht zuviel und wird durch das Gewicht seines Wissens schwerlich in den Pfuhl des Lasters und der Verbrechen hinabgedrückt!—
Während wir diesen etwas langgerathenen Gedankenspaziergang machten, arbeitete Nro. 110 in seiner Zelle rüstig fort und zuweilen tritt ein Werkmeister oder Aufseher herein, nicht sowohl um die Arbeit zu besichtigen, denn der Benedict arbeitet zu vortrefflich, als daß viele Besichtigung nöthig wäre, sondern um Etwas zu fragen oder die Leimpfanne zu bringen.
Der Fleiß der Gefangenen wird in der Zelle leichter und besser controllirt, als in jedem Sträflingssaale und zwar auf eine Weise, daß der Zellenbewohner nichts davon weiß. Der Controllirende tritt zur Thüre, hebt einen kleinen Schieber in die Höhe und überschaut mit Einem Blicke die ganze Zelle, wahrend Nro. 110 vergeblich sich abmühen würde, durch dasselbe Fensterchen auf den Gang hinauszusehen. Nicht Eine Minute des Tages oder der Nacht ist er sicher, unbeobachtet zu sein und das Peinliche dieser Lage wird gerade dadurch gemildert für den Bessern und geschärft für den Schlechtern, weil er niemals Gewißheit davon hat.
Ein gefangener Taglöhner hat sein Zellenleben in ergötzlichen Reimen beschrieben, von denen einige charactristische hier ein Plätzlein finden mögen:
—Einmal ist der Obermeister kommen: "Du willst nicht sputen hab' ich vernommen? Hättest große machen sollen Dich soll gleich der Kukuk holen!"— "Ich will lieber machen kleine Das ist die Rede, die ich meine!"— "Du hast hier kein Recht, Seist du Meister oder Knecht, Mußt jetzt thun, was ich Dir sag' Oder hast gehabt zu Mittag, Und zu Nacht wirst auch nichts kriegen, Kannst noch in den Turm hinabfliegen! Dort kannst Du sitzen oder stehen Und wie es Dir noch sonst wird gehen. Dann thut man Dich in den Zwangstuhl schnallen Das wird Dir auch nicht gut gefallen!" Ich sah auf mein Spulrad hin Und dachte: "wenn nur dieser Mann wieder ging!" Aber er ließ sich nicht vertreiben Und ließ auch das Dräuen nicht bleiben. "Wenn ich noch eine einzige Klage hör', Dann komme ich wieder zu Dir hieher!" Das ist sein letztes Wort, Dann ist er fort. Ich dacht: Nun ist er doch einmal gangen, Das war ja mein einzig Verlangen! Hab mich wieder zum Rad gesetzt Und gespult, daß ich hab' geschwitzt. Hörte ich nur laufen im Gang, So glaubte ich: jetzt kommt der saure Mann!— Einmal hab' ich gesungen, Da kam er gleich gesprungen: "Hör' ich dies noch einmal hier, Dann gibt man nicht zu essen Dir!" Darauf sah ich ihn im Hof in seinem grauen Rock Und eilte was ich konnte in den zweiten Stock, Mache die Thüre eilends zu, Daß ich hab' vor diesem Manne Ruh. Er hat mir schon zu schwer gedräut, Ihn zu sehen, ist mir keine Freud'! Allein ich hab' vor ihm recht Respekt, Doch bin ich gern von ihm weit weg; Doch hat er mir noch nichts zu leid gethan Er kann doch sein ein guter Mann!
In diesem Augenblicke öffnet sich die Thüre von Nro. 110 und einer der beiden Obermeister steht vor Benedict. Er ist nicht mehr der alte Dräuer, über welchen der Taglöhner klagte, sondern ein ganz freundlicher ordentlicher Mann, der mit Blicken mehr ausrichtet als Andere mit vielem Lärm. Die Arme über die Brust gekreuzt, den rechten Fuß vorgestellt steht er ganz ruhig da und redet mit unserm Schreiner vom Wetter und den Rheinschnaken, diesen Moskitos der Rheinebene, deren Stich eben keine angenehme Empfindungen, wohl aber kleine Beulen erzeugt und die den Weg durch alle Kleider und die dicksten Teppiche hindurch zu finden wissen, während ihr Gesumme in Schlaf lullt.