Sind wir überzeugt, der Gewerbsbetrieb würde wenig oder nichts gewinnen, wenn man die Schulen gesellschaftlich lebender Gefangenen wiederum aufhöbe, so sind wir noch weit mehr davon überzeugt, daß er in Zellengefängnissen bedeutend Noth litte. Gar viele Handwerker bedürfen einiger Kenntnisse im Zeichnen, in Mathematik und Geometrie, Chemie und andern Wissenschaften und je mehr sie davon erringen, desto besser ist es für ihr Gewerbe. Ferner ließe sich möglicherweise das vollständige Fertigen eines Tagwerkes durch Hungerkuren erzwingen, lange jedoch ginge dies nicht an und zum Fertigen guter und vortrefflicher Arbeit gehört eben auch im Zuchthause ein Arbeiter, der gut oder vortrefflich arbeiten kann und—will. Die Schule wird von Sträflingen als eine Wohlthat und Belohnung allgemein anerkannt, ihre Beeinträchtigung oder gar ihre Beseitigung würde gerade bei den Talentvollen den guten Willen zur Arbeit beeinträchtigen oder beseitigen oder derselbe müßte auf eine Weise angeregt werden, welche mehr kostete als die Schule.

Aber werden die Spitzbuben durch die Bildung, welche sie empfangen, nicht gerade raffinirter und führt die Schule nicht zur Halbwisserei?

Den ersten Theil dieses Einwurfes würden wir gar nicht beantworten, wenn er nicht schon von mehr als einer Seite gemacht worden wäre.

Wir haben einen Tag in einem gemeinsamen Zuchthause zugebracht und vermieden, pikante Spitzbubenhistörchen aufzuzeichnen, wenn man nicht etwa die maaßlose und keineswegs seltene Unverschämtheit des Patrik vom Hotzenwalde pikant finden will.

In gemeinsamer Haft geben die Meister der Greiferkunde Privatcollegien aus ungewaschenen Mäulern, die Blüthe des Gaunerthums erfreut sich dort einigen Ansehens und fruchtbarer Wirksamkeit, allein keine Sträflingsschule irgend einer Art befaßt sich mittelbar oder gar unmittelbar mit Ausbildung der Spitzbüberei. Freilich lehrt die Physik und noch mehr die Chemie Manches, was sich ein Langfingeriger für die Zukunft hinter die Ohren schreiben könnte, aber jedem Lehrer wird man soviel Verstand und Besonnenheit zutrauen, daß er seinen Stoff zu wählen versteht.

Erheblicher ist die Halbwisserei.

Unter Halbwisserei verstehen wir das religionslose Wissen, somit ziemlich dasselbe, was schon Plato darunter verstanden und worüber er als einer unheilbringenden Erbärmlichkeit geklagt hat. Vom Vorwurfe der Halbwisserei sind bei uns jedenfalls die Sträflingsschulen freizusprechen, denn Geistliche und Lehrer gehen einträchtig zusammen, Einer arbeitet dem Andern in die Hände, die Schule ist nicht nur ein Mittel allgemeiner Bildung, sondern auch allgemeiner religiöser Erhebung.

Eine bereits auf einige tausend Bände angewachsene Bibliothek, deren Bücher vor Allem mit Rücksicht auf löbliche Tendenzen gewählt und mit Rücksicht auf die verschiedenen Confessionen unter die Gefangenen vertheilt werden, unterstützt mächtig die Bemühungen der geistlichen und weltlichen Beamten.

Die sichtbaren Wunder der Natur, die weltbeherrschenden Gesetze der Physik, die einfachen, erhabenen und allbeherrschenden Gesetze der Bewegung der Weltkörper, lauter Dinge, welche jedem Schulknaben, geschweige einem Erwachsenen klar und deutlich gemacht werden können, wie sehr sind diese geeignet, den Menschen zum Herrn und Vater dieser Gesetze zu erheben? Und Abrisse aus der Geschichte, in welcher Gott den lohnenden Vater oder rächenden Amtmann spielt, eine Unthat unter dem Gewichte ihrer Folgen den Schuldigen und die Mitschuldigen begräbt, ohne vorher nach Stammbaum oder Taufschein zu fragen, wie sehr sind diese geeignet, den Verbrecher zum Nachdenken über das eigene Schicksal zu bringen? Jedenfalls mehr als die eigens für Gefangene und Verbrecher geschriebenen Bücher, unter denen wir und viele Andere außer dem von Suringar wenig Erträgliches und Ersprießliches entdeckten. Sträflinge sind schwer vom Glauben abzubringen, daß man die kleinen Spitzbuben fange, die großen dagegen laufen lasse, wissen recht gut, wie es mit dem Werthe Vieler steht, welche frank und frei herumlaufen und ebenso, daß sie keine unartigen Kindlein sind, denen man Religion und Jesusliebe als Brei einreichen könnte, deßhalb geben sie auch nichts auf Bücher, die aus gutmeinenden, aber unklugen oder unerfahrenen Federn zur angeblichen Erbauung von Gefangenen geflossen sind. Im Gegentheil werden Schriften dieser Art Religionslosigkeit und Verstockung eher vermehren als vermindern und besonders in gemeinsamer Haft nicht lange ungerupft bleiben.

Sie [Die] Schule vor Allem erweitert den geistigen Gesichtshorizont und je mehr sich dieser erweitert, desto kleiner fühlt sich der Mensch überhaupt, der Verbrecher insbesondere und wiederum desto größer, weil der Herr und Meister der Welt sich mit ihm abgibt.