Schule, Kirche, gute religiöse und andere Schriften machten einen wohlthätigen Eindruck auf ihn, eine herzhafte Generalbeichte wurde der Anfang zur Besserung.
Langsam und allmählig, wie der Benedict hochmüthig, leichtsinnig, diebisch und liederlich geworden, lernte er Demuth kennen und üben, die Sünden zuerst als eine unpraktische Dummheit und dann erst recht als eine Beleidigung der Majestät Gottes kennen, die Sehnsucht nach irdischen Gütern, Genüssen und Ehren minderte sich, je mehr sich ihm die Gestalten des Himmels offenbarten und auf dem Pfade zur Versöhnung mit sich selbst, der Welt und Gott ward ihm mannigfache Hülfe.
Hat er nicht einen Briefwechsel mit seinen Geschwistern angefangen, an welche er lange Jahre nicht geschrieben? Wurden die Antworten nicht eine reiche Quelle des Trostes und der Ermunterung für ihn? Erfuhr er nicht unter andern, der Vater habe noch einige Stunden gelebt und Zeichen der Verzeihung gegen das Bild an der Wand gemacht, welches den Benedict als Hobisten darstellte? Schöpfte der Unglückliche nicht daraus den Trost, der Vater habe ihn noch bei Lebzeiten nicht für seinen absichtlichen Mörder gehalten?
Am ersten Montage des Septembers 185... wurde Nro. 110 unvermuthet ins Besuchzimmer abgeholt. Er schrak ganz zusammen und die Kniee zitterten ihm, als er durch die kühlen Gange geführt wurde und erinnerte sich, auf diesem Wege sei er in die Anstalt hereingekommen.
Richtig liegt auch das Besuchzimmer im Vorderbau beim Eingange und der Gefangene, welcher Besuch empfängt, sieht die Thüre, die ins große Zuchthaus hinausführt.
Das Besuchzimmer des Zellengefängnisses ist so eingerichtet, daß der Gefangene nicht das Mindeste von den Besuchern in Empfang zu nehmen vermöchte, wenn auch gar keine Aussicht vorhanden wäre. Die Leute sehen einander mit Mühe, geschweige daß sie sich die Hand zu geben vermöchten und die Stimme ist wohl das Hauptsächlichste, woran sie sich gegenseitig erkennen. Hausordnungswidrig darf sich auch keine Stimme vernehmen lassen, denn zwischen den bis zur Decke eng verpallisadirten Käfigen der Besuchenden und des Besuchten steht ein Aufseher, so lange sie zusammen reden und diese Aufseher sind ausgewählte, pflichttreue Diener, wie man sie wohl selten in einer Strafanstalt beisammen trifft.
Für die übertrieben scheinende und in der That harte Einrichtung des Besuchzimmers finden wir nur Einen haltbaren Grund: man will die Angehörigen, Freunde und Bekannten der Zellenbewohner von Besuchen abschrecken.
Dieser Grund ist allerdings haltbar, weil ein Zellenbewohner wahrend seiner ganzen Haft mehr oder minder in einem empfindsamen, leicht erregbaren Zustande sich befindet und durch nichts leichter als durch Besuche in eine gewaltige und manchmal unheilbringende Aufregung versetzt wird.
Wer weiß, welchen Eindruck der jetzige Besuch auf den Benedict gemacht hätte, wenn er nicht bereits zum religiösen Halt in sich gelangt gewesen wäre!——
Er hat am Besuchzimmer später nichts ausgesetzt, denn er fühlte sich unwürdig, den beiden Lieben, welche ihn besuchten, näher zu treten und die Hand zu reichen und mußte sich im ersten Augenblicke an einer Pallisade halten, um nicht zusammenzubrechen. Standen doch ihm gegenüber der älteste Bruder, der Johannesle, welcher Zeuge der allerersten Arretirung in der Apotheke gewesen und neben ihm——das Rosele!