Doch nicht der Tod, sondern ein neues Leben sollte ihm in der Zelle werden. In den ersten Monden der Zellenhaft gerieth er, gleich einem frisch eingefangenen, erwachsenen Thiere, das in einen engen Käfig gesperrt wird, in einen Zustand großer Empfindlichkeit und Reizbarkeit, den er mit unsäglicher Mühe beherrschte, um sich nicht bei den Vorgesetzten von vornherein das Spiel zu verderben. Er suchte sich beliebt zu machen und es gelang ihm, wie es ihm noch überall gelungen. Sein chronisches Seelenübel, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, fand jedoch nicht Pflege und Nahrung genug, dem Spiele einer lebhaften Phantasie überlassen, gerieth der vielbelesene Kopf zuweilen mit der rauhen Wirklichkeit in Fehde und weil er stets den Kürzern zog, machte sich die wachsende Reizbarkeit zuweilen Luft.

Das kurze Wort, der scharfe Blick eines Aufsehers konnte ihn in solcher Gemüthsstimmung beben machen und was Beamte und Geistliche der Anstalt, in der er früher gewesen, niemals gehört hatten, hörten die des Zellengefängnisses: schwere Anklagen gegen Gott und Welt, Gesetze, Richter, Zeugen, alle Menschen, welche ihm jemals etwas Böses zugefügt haben sollten.

Ein so entschuldbarer und schon so lange mißhandelter Mensch seiner Art gehörte freigelassen, das verstand sich von selbst—er machte Bittschriften und die Beamten mußten dieselben wohl entgegennehmen, wenn sie Schlimmes nicht schlimmer machen wollten. Natürlich lautete die Antwort kurz und gut, man fühle sich in keiner Weise veranlaßt, seine Begnadigung derzeit zu befürworten.

"In keiner Weise!"—[">[also haben die Beamten und der Geistliche nicht für mich geredet! ... Verderben ihnen!" dachte der enttäuschte Benedict und schwor ingrimmig, keines Menschen Wort und Mienen mehr zu vertrauen. Er suchte sich in die ehemalige Gleichgültigkeit hineinzulügen, den Besuchern mit kalter Höflichkeit und schlauer Berechnung entgegen zu kommen, doch seine Jugend- und Lebenserinnerungen leisteten ihm beständig Gesellschaft, alle Gestalten derselben lebten und wandelten draußen herum, diesen gegenüber mochte er nicht gleichgültig bleiben und wenn er die Eisenbahn pfeifen hörte, welche glückliche Menschen seiner Heimath zutrug oder an stillen Sonntagen die Parademusik hörte, weinte er oft Thränen stiller Verzweiflung.

Ein unbedachtsamer Hitzkopf war er sonst nie besonders gewesen, aber jetzt wurde er es, weil er das Feuer, das in ihm zehrte, nicht zu bemeistern vermochte. Er redete, was er fühlte, ohne sich lange zu besinnen und gar Manches, was er in ruhigeren Stunden verdammte.

Endlich versank er in einen Zustand stiller Trauer und hoffnungsloser Schwermuth. Er würde sich vielleicht aufgehängt haben, wenn das Hängen nicht ein gar zu gemeiner Tod und der Selbstmord überhaupt kein Akt tapferer Feigheit wäre. Er hatte angefangen, ernster und gründlicher als je in sich selbst hineinzuschauen und der Ich, welcher aus ihm heraus ihm selbst entgegengrinste, zeigte eine so schreckliche Gestalt, daß der Benedict nahe daran war, an Gott und an sich selbst zu verzweifeln.

Aus dem Trübsinn riß ihn der würdige Geistliche.

Er ließ sich das ganze Leben des Gefangenen erzählen, zeigte ihm, was er gewollt und gethan, anderseits was Gott gewollt und gethan habe und verwies auf die Tröstungen der Religion.

Ein erklärter Feind der Religion, Geistlichen und rechtschaffener Menschen war Nro. 110 niemals gewesen, kannte die Lehren der katholischen Kirche und wußte, wie tief die Wurzeln liegen, welche dieselbe mindestens noch beim Volke getrieben. Die äußern Gebräuche hatte er als Gefangener niemals vernachläßiget, aber religiös gesinnt konnte er nicht werden unter Menschen, die Mangel an Religion für die höchste Tugend erklärten. Ohne daß er es merkte und wollte, übten die Religionsspötter doch Einfluß auf ihn, als Betbruder zu gelten, däuchte ihm eine Unklugheit und halbe Schande.

Nachdem er in der Zelle genug geflucht, gewüthet und sich den Tod gewünscht, begann er zu beten.