Die Freien, welche Ironie!—Die äußere Freiheit bleibt für den Herrn des größten Thrones und für den Bürger der freiesten Republik leerer Schein, hohle Redensart, wo die innere fehlt. Es gab und gibt wohl noch Könige, abhängiger und elender als der verlassenste Bettler ihres Reiches, und Gefangene, freier und glücklicher als die Gesetzgeber des freiesten Staates. Innere Freiheit ist die Quelle der äußern. Ein Volk, unter welchem viele innerlich Freie sich befinden, kann keine schlechte Regierung haben und von vornherein niemals in die scheinbare oder wirkliche Notwendigkeit versetzt werden, sich gegen dieselbe aufzulehnen und zu empören. Revolutionen sind Zeugnisse für tiefgehende Krankheiten der Völker und Folgen unbehaglicher Zustände, welche durch die Krankheiten ins Leben gerufen wurden.
Und krank, sterbenskrank ist unsere Zeit; sie liegt darnieder am Mangel an innerer Freiheit, näher am Mangel an positiver Religion und am Ueberflusse an einem Heidenthum, das weit ärger ist als das alte, weil man es kein unbewußtes und argloses nennen darf. Es strebt den ganzen Organismus des Staatslebens und der Gesellschaft zu vergiften und hätte denselben seit 300 Jahren schon mehr als dreimal vergiftet und ertödtet, wenn nicht die Kirche gegen alle Angriffe und Verfolgungen kirchlicher und politischer Revolutionen Stand gehalten hätte.
Doch—ich gerathe wieder auf Dinge, von welchen ich mindestens diesmal nicht reden wollte. Es ergeht mir wie alten Soldaten und den meisten Fachmenschen, welche jahraus jahrein von ihren Feldzügen und Geschäften reden und unwillkürlich immer wieder darauf gerathen, ob sie wollen oder nicht. Sollte ich mich entschuldigen, so wüßte ich nichts anzuführen, als daß ich eben leider ein entschiedener und im Kampfe nicht unerfahrener Soldat des Heidenthums gewesen und dadurch zum Verbrecher geworden bin.
Mein Herz zittert, sobald ich länger bei diesen Erinnerungen verweile. Sie liegen hinter mir als ein langer, banger Fiebertraum voll von gräßlichen Gestalten, drohenden Gefahren und niederschmetternden Erinnerungen. Ich weiß, daß du mir verzeihest und Dank weißt, wenn ich später über die Nachtseiten meines Lebens rasch hinwegeile. Es geschieht nicht, weil ich mich des Bekenntnisses, sondern weil ich mich meiner Verirrungen und Sünden schäme—mich selbst verachten und Gottes Barmherzigkeit anstaunen muß, der einen Unhold meiner Art zu sich rufen und aus einer Art moralischem Ungeheuer, dessen größte Tugend im Stolze auf seine Ungeheuerlichkeit bestand, wiederum zu einem Menschen, zu einem Christen werden ließ. Er würde es wohl nicht gethan und als gerechter Gott mich den Folgen meiner Unthaten überlassen haben, wenn nicht Er am besten gewußt hätte, daß weniger Selbstsucht als verwundete und verkehrte Liebe für meine Mitmenschen und nicht Bosheit, sondern frühgenährte Eitelkeit des Herzens mich auf einem Wege forttrieben, auf welchen ich mich nicht selbst brachte, sondern als Kind darauf gebracht wurde.
—Ja, einen großen Theil meiner Schuld schiebe ich keineswegs mit dem höflichen Dichter den Gestirnen zu, sondern muß und darf meine Eltern, Lehrer und die Gesellschaft überhaupt dafür verantwortlich machen. Dabei vergesse ich nicht, daß Eltern unter allen Umständen Eltern bleiben und daß die meinigen hinsichtlich ihrer natürlichen Gaben und thätigen Liebe für uns Kinder vortreffliche Menschen waren. Ich muß dieselben mit mir beklagen und nicht minder meine Lehrer, welche als Söhne und Träger der Bildung einer dem positiven Christenthum abholden und feindseligen Zeit eben auch zu dem gemacht worden waren, was sie aus mir und meinen Mitschülern machten: Namenkatholiken, Unchristen, Heiden.
Man sollte vermeinen, Eltern und Lehrer in christlichen Staaten erachteten es für die erste Pflicht, junge Seelen Christum kennen und lieben zu lehren, die Glaubenssätze und Gebräuche der Kirche so gründlich als möglich zu erklären und denselben handelnde Christen in ihrer Person zu zeigen. Solch heilige Pflicht wäre nicht allzuschwer zu erfüllen. Das Kind faßt Christum, weil sein Gemüth reine Liebe begreift und die natürliche Liebe, welche es für seine Ernährer und Lehrer empfindet, bildet die Uebergangsbrücke der übernatürlichen Liebe zum Himmlischen und Göttlichen. Ferner wären dogmatische Auseinandersetzungen für Kinder zwar unnütz, denn das Kind zweifelt nicht, sondern glaubt und vertraut und der erstarkende Verstand entwickelt mit der Zeit aus dem lebendigen Glauben an den Gottessohn alle Glaubenssätze als bloße Folgerungen aus jenem Glauben von selbst, doch eine oft wiederholte Erklärung aller Gebräuche der Kirche, in deren kleinsten eine unendlich tiefe Bedeutung liegt, sollte eben so sehr zur Obliegenheit der Eltern als der Lehrer werden. Endlich sind die meisten Erzählungen vom Leben der einzigächten Helden der Menschheit, der Helden des sittlichen Willens, nämlich der Heiligen für jedes Kinderherz so verständlich, anziehend und rührend, daß in keinem Hause eine Legendensammlung fehlen und nirgends dieselbe bestäubt in einem Winkel liegen sollte. Zuletzt liegt in der Befolgung der Vorschriften unserer Religion der ächte Stein der Weisen, das Geheimniß des zeitlichen und ewigen Glückes und wenn Eltern und Lehrer nicht einmal an ihre Kinder und Schüler, sondern nur an sich selbst und ihren handgreiflichen Nutzen, nicht an das Jenseits, sondern nur an den Augenblick und das Irdische dächten, würden sie darnach streben, ihren Kindern handelnde Christenmenschen zu zeigen, durch eigenes Beispiel zur Nachahmung reizen und an das Gute gewöhnen.
Zu all diesem gehört keine besondere Gelehrsamkeit, es kostet nicht viele Zeit und würde eher zu Ersparnissen als zu Ausgaben verhelfen.
Allein wie sieht es in protestantischen und katholischen Familien und Schulen mit der Pflege des Christenthums aus?
Gibst du nur den einzigen Satz zu, daß ein Christenthum ohne einen Gottessohn ein leeres Gerede sei, hinter welchem sich ein mit christlich klingenden Redensarten verbrämtes Heidenthum breit macht, so wird den Satz Niemand umstoßen können, daß bei weitem in den meisten Häusern und Schulstuben das heranwachsende Geschlecht zu Heiden statt zu Christen und weit eher für Wirthshäuser, Spitäler, Irrenanstalten und Gefängnisse denn für ein glückliches Familienleben, weil für die Kirche und den Himmel herangezogen werde.
Ich bin ein trauriges Beispiel dafür geworden. So wenig meine Erziehung in Haus und Schule einigen Antheil am Verdienste meiner Rückkehr zum Glauben besitzt, ebensowenig verhindert sie bei vielen Tausenden, daß diese werden, was aus mir, dem Liebling der Eltern und Lehrer, geworden.