Pietät verbietet mir, meine leiblichen Eltern von einer ungünstigen Seite zu schildern. Kinder ihrer Zeit und Opfer der Weisheit der Zeit, trug Alles, was angeborne Herzensgüte des Vaters und Sanftmuth der Mutter, günstige Lebensverhältnisse und erfahrne Weltklugheit bei ihnen vermochten, nicht genug zu einem dauerhaften häuslichen Glücke, wenig zum Gedeihen der menschlichen Gesellschaft und noch weniger dazu bei, denselben in der Todesstunde Trost und in den Augen Gottes besonderes Ansehen zu verschaffen. Und meine Eltern gehörten nicht nur zu den angesehensten und gebildetsten, sondern in der That zu den edelsten Persönlichkeiten meiner Vaterstadt, wie meine Lehrer zu den kenntnißvollsten und besten des Landes.
Der Vater war Arzt; ein religiös gesinnter Arzt ist wohl heute noch so selten denn ein gläubiger Jurist, ein frommer Lieutenant oder ein gottbegeisterter Handlungsreisender. Er besuchte die Kirche nur am Geburtsfeste des Landesherrn und galt als feiner, aufgeklärter Kopf, der wenig redete und mindestens vor uns Kindern niemals gegen die Religion und selten genen [gegen] diesen oder jenen Geistlichen zu Felde zog. Er überließ das Beten, Kirchengehen und die religiöse Erziehung seiner Kinder der Mutter und den Lehrern. Diese glaubte aufrichtig an einen Gott, aber weder an den Jehova des alten noch an den dreieinigen des neuen Bundes, sondern an den Gott innerhalb der Grenzen der Vernunft, an den des Zeitgeistes, der seine Bibel in den "Stunden der Andacht" gefunden. Er spielt in der Geschichte unseres Geschlechtes und im Leben des einzelnen Menschen genau dieselbe Rolle, wie ein gutherziger Onkel oder schwacher Vater irgend eines Theaterstückes, worin ein leichtsinniger Sohn oder Neffe einen dummen und schlechten Streich nach dem andern macht, den guten Alten auf jede beliebige Weise ärgert und quält und am Ende von allerlei Noth getrieben liebend und vertrauend in die stets ausgebreiteten Arme des Gerührten sinkt.
Man könnte diesen Gott den absoluten Heli nennen, der so oft vom Stuhle fällt und stirbt als es dem Menschen beliebt gegen den Willen desselben zu handeln.
Meine Mutter glaubte auch an Christum und würde Straußens mythische Nebelgestalt oder gar Daumers Menschenfresser mit Abscheu zurückgewiesen haben—aber ihr Christus war nur ein liebenswürdiger, großer Wohlthäter des Menschengeschlechts, den die gottlosen Juden peinigten und kreuzigten, weil eben Juden nichts von Weisheit, sondern nur das Geldzählen und Dukatenbeschneiden verstanden und schon damals Jeden der Ihrigen verfolgten, der für die benachbarten Gojims ein zu lautes Wort einlegte. Daß das Menschengeschlecht wegen des unschuldigen Apfelbisses in Ungnade gefallen, blieb ihr so unbegreiflich als die Nothwendigkeit, daß sich ein Schuldloser für das Menschengeschlecht mit Erfolg opferte.
Der Gedanke, daß Gottes eigener Sohn auf dieses armselige, winzige Erdenpünktlein herabgestiegen sei, um sich zum Schlusse eines armseligen und verfolgten Lebens als ohnmächtiger Mensch kreuzigen zu lassen, erschien ihr bald lächerlich bald empörend, je nachdem sie gerade gestimmt war. Es läßt sich begreifen, daß von einem heiligen Geist, der einst als einfältige Taube am Jordan herumgeflogen, bei meiner Mutter so wenig die Rede sein konnte als von der wahrhaften, wirklichen und wesentlichen Gegenwart Christi im heiligen Abendmahl. Sie fand wohl Geist in den Gedichten Schillers und Anderer, am wenigsten aber in geistlosen Catechismen und das heilige Abendmahl galt ihr als eine Art von Zweckessen, als Erinnerungsfeier an einen tüchtigen Volksmann. Natürlich vermochte sie in der katholischen Kirche, der sie mit Leib und Seele anzugehören vermeinte, weder eine vom heiligen Geist geleitete göttliche Einrichtung noch den fortgesetzten Christus zu erblicken. Die Kirche galt ihr einfach als menschliche, politisch nützliche und kluge Einrichtung und an die Stellvertretung Gottes im Priesterstand glaubte sie um so weniger, je mehr Bücher über die Gräuel des Mittelalters sie verschlang und je mehr Erzählungen vom starkmenschlichen Wandel vieler Geistlichen im Schwange gingen.
Sie betete und ging zur Kirche sowohl aus Bedürfniß als aus Gewohnheit. Das Bedürfniß war genau dasselbe, welches jeden geistig Gesunden ohne Unterschied des Glaubens zum Beten und zur Verehrung eines höchsten Wesens antreibt und über die Gründe ihrer Gewohnheit reiflich nachzudenken, dazu mangelte Anlaß, Lust und Zeit oder Alles zugleich. Aber—hörte sie am Sonntage nicht positives Christenthum von der Kanzel herab verkündigen? Wurden nicht katholische Handlungen vor ihren Augen fast täglich vorgenommen? Mit dem Predigen des positiven Christenthums war es in einer Zeit, wo noch kein Hirscher und Andere den tiefen und innigen Zusammenhang zwischen Dogmatik und Moral auseinandergesetzt hatten, bei der Bevölkerung mancher Pfarrei übel bestellt. Auch in unserer Stadt gab es Geistliche, welche Alles, nur kein positives Christenthum von der Kanzel herab verkündigten. Einzelne predigten im Laufe vieler Jahre immerhin zuweilen auch Glaubenslehren und meine Mutter wußte den Catechismus besser auswendig als ich, denn sie hörte den Kindern manchen Morgen nach dem Frühstück noch geschwind die Lektion des Religionsunterrichtes ab. Allein es stand vollkommmen [vollkommen] im Einklange mit ihren Grundanschauungen, daß sie die Glaubenslehren der katholischen Kirche nur als todte Gedächtnißsache inne hatte und den Unterschied zwischen Katholiken, Protestanten und wohl auch den Juden als Etwas betrachtete, was honetten und gebildeten Leuten unwesentlich, zufällig und gleichgültig erscheinen müsse.
Als ob es eine doppelte Wahrheit geben könne, unterschied sie nämlich eine Religion für Gebildete, welche über allen mittelalterlichen Aberglauben hinaus sein sollten und eine Religion für das gemeine Volk, dessen Leidenschaften durch die zwei größten Beweger des menschlichen Herzens: Furcht und Hoffnung, näher durch die Angst vor Hölle und Fegfeuer und die Aussicht auf die Freuden des Himmels in Schach gehalten werden müßten. Nach ihrer Meinung machten alle Geistlichen insgeheim und in Gegenwart von Honoratioren denselben Unterschied, schwiegen jedoch aus Klugheit auf der Kanzel davon, weil ja gemeines Volk und Gebildete in Einer Kirche saßen. Ersteres mußte gläubig erhalten werden, die Honoratioren wußten schon, woran sie mit dem Geistlichen waren und wählten aus dem Vortrage heraus, was ihren Ansichten entsprach und ihrer Person gerade mundete.
Meine Mutter war eine gute, gescheide Frau, hielt sich ganz ehrlich für eine vortreffliche Katholikin und wurde in der ganzen Stadt dafür gehalten, weil eben in der ganzen Stadt das ewige Evangelium durch das Evangelium der Zeit, der Katholizismus durch den Protestantismus thatsächlich verdrängt worden war.
Ob es heutzutage schon um Vieles hierin besser geworden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß die Missionen keine fruchtlose Sache, die Jesuiten vortreffliche Prediger sind und daß der Zug der angsterfüllten Zeit bei den Bessern ein lebendiges Wechselverhältniß zwischen Gott und Mensch verlangt, welches nur durch die positive Religion vermittelt wird.
Aus dem Vorhergehenden ist dir nun sicher klar, daß meine und meiner Geschwister früheste religiöse Erziehung uns mit einer für das Leben unfruchtbaren Ehrfurcht vor dem Schöpfer Himmels und der Erde, mit einer nur sinnlichen Liebe für das hübsche Jesuskindlein, mit dem Geiste der Zeit und mit Gleichgültigkeit und frühzeitig genug mit Mißtrauen gegen unsere Kirche erfüllte.