ruht im Frieden seiner Hände.
Nur an eines Mannes Seite, der so vollkommen die gleiche Einstellung zur Welt hatte, konnte Henriette Benas das Leben in Warschau ertragen. Sie schrieb: „An unserem Verlobungstage sagte mein Bräutigam zu mir, wenn ich nicht die Hoffnung hegte, nach Deutschland zurückzukehren, würde ich nicht dein Schicksal an das meine gekettet haben! Die Bedeutung dieses Ausspruches habe ich erst während meines Aufenthaltes in Warschau erkannt!“
Es war noch das Rußland unter dem Zaren Nikolaus I., von dem man in Deutschland sang:
Gott schütz’ uns vor dem Frankenkind
Und vor dem Zaren, deinem Schwager.
Zaristische Tyrannei und in dies Land ein junges Weib, in dessen Herzen die Lieder der vierziger Jahre bluteten. Sie sang wohl mit heller Stimme in ihrer Stube Herweghsche Lieder, innerlich noch ganz in dieser großen Bewegung lebend.
Als sie mit ihrem Gatten die russische Grenze passierte und beide sahen, wie ein Beamter einfach ganze Seiten eines Buches schwarz überstempelte, sagte der Mann leise zu seiner jungen Frau: „Wenn die wüßten, welche Bibliothek ich in dir über die Grenze bringe!“ Sie berichtet über ihren ersten Eindruck in Warschau: „Ich kam aus der Hauptstadt der polnischen Provinz Posen, die Preußen einverleibt war; so ganz fremdartig hätten mich die Verhältnisse nicht berühren sollen, und doch war mir alles so fremd und unheimlich. Zunächst in Rücksicht auf die jüdische Bevölkerung, die unter einem besonderen Drucke lebte. Die preußische Regierung war bestrebt, die Kultivierung des Landes und aller seiner Bewohner im Sinne des fortgeschrittenen Geistes seines Staats- und Volkslebens zu beeinflussen. So war es mir in dem großen glänzenden Warschau, als wäre ich in einem Traumlande; ich fühlte mich um Hunderte von Jahren in einen gewesenen Zustand versetzt. Unheimlich war es mir bei jeder Berührung mit den äußeren Verhältnissen zumute, und am liebsten würde ich mit Mann und Kindern zurückgewandert sein und wäre es auch nach Krotoschin gewesen.“
Aber Mann und Kinder bildeten bald das unlösbare Band, das die junge Frau in der Fremde hielt. Die drei Kinder, drei begabte gutartige Knaben, schlossen sich bald mit großer Liebe an die lebhafte geistvolle zweite Mutter an. Eine kleine Geschichte zeigt, wie innig dieses Verhältnis war; der jüngste Sohn Benno, den die Neunzigjährige noch „mein Bennochen“ nannte, trug noch Kleidchen, als ihm Henriette Goldschmidt Mutter wurde. Bald darauf aber sollte er in Höslein gehen, die älteren Brüder spöttelten schon über das „Mädchen“, da sagte die junge Stiefmutter einmal: „Ach, es gefällt mir gar nicht, daß du nun auch schon ein großer Junge in Hosen sein wirst“, und der Kleine antwortete treuherzig: „Wenn’s dir lieber ist, Mamachen, kann ich ja noch ein Mädchen bleiben.“
Diesen starken inneren Anhalt an Mann und Söhne brauchte die junge Frau aber auch. Im Hause saß ihr der Unfriede. Die Mutter der verstorbenen, liebenswürdigen und begabten Frau tat der zweiten Gattin, wie es in alten Volkserzählungen heißt, wirklich alles gebrannte Herzeleid an. Sie erschwerte ihr das Leben in dem düsteren Hause der engen Gasse, und draußen lauerte das Grauen; denn die Aussicht, die Henriette Goldschmidt hatte, wenn sie einmal an das Fenster trat, war das Gefängnis. Die Prügelstrafe war damals ein Hauptbesserungsmittel des zaristischen Rußland, und das Schreien der armen Opfer gellte in die düstere Wohnung hinein.
Glücklicherweise gab es ein schönes geistiges Miteinander der Gatten; in Dr. Goldschmidts Bücherei standen die deutschen Klassiker, stand manch verbotenes Buch der vierziger Jahre. Gleichgesinnte Freunde fanden sich und an manchem Abend ertönten hinter fest verschlossenen Fenstern die deutschen Freiheitslieder. Da wurden mit verteilten Rollen Schillers Werke gelesen und alles in allem, trotz den schweren äußeren Verhältnissen, brachte das Leben in Warschau Henriette Goldschmidt doch auch wieder innere Bereicherung. Eine harte Schule hat sie es selbst genannt. „Einen Höllentraum konnte man mein Leben in Warschau nennen und wiederum ein harmonisch schönes Leben. Daß aber diese Mischung den Wunsch in mir rege erhielt, den Boden zu verlassen, auf dem ich niemals heimisch werden konnte, war natürlich.“