3. Die ersten Ehejahre in Warschau.

Henriette Benas heiratete im Jahre 1853 einen Verwandten, den Prediger an der deutsch-jüdischen Gemeinde in Warschau, Dr. Abraham Goldschmidt. Diesmal brauchte es keiner schweren Überlegung, sie fühlte rasch heraus, dieser Mann war ihr geistesverwandt, und in einer langen, beide Gatten beglückenden Ehe hat sie niemals den Schritt bereut, der sie, wie sie es später oft nannte, nach Halbasien führte.

Der Mann ihrer Wahl, ein Neffe ihres Vaters, stammte aus einer kinderreichen, in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie. Auch seine Studien erstreckten sich zuerst wie die des Großvaters auf das Hebräische, doch auch wie dieser strebte er weiter und suchte sich deutsche Geistesbildung anzueignen. Er ging nach Breslau, um dort zu studieren. Er ging im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine beschränkten Mittel reichten nicht zu einer Postfahrt aus. Kümmerlich genug mußte er sich durchschlagen, es gelang ihm aber doch, das Gymnasium zu besuchen, sich weiterzubilden, und nach einigen Jahren erhielt er eine Anstellung an der jüdischen Elementarschule in Krotoschin. Damals wurde kurze Zeit die junge Henriette seine Schülerin, und von diesem Lehrer hörte sie auch die erste Predigt in deutscher Sprache. Es war bei einem Besuche, den er seiner Mutter in Krotoschin machte, als man ihn aufforderte, in einem sehr dürftigen Betsaal eine deutsche Predigt zu halten. Zu dieser nahm der Vater Benas seine kleine Tochter mit, er stellte diese auf seinen Sitzplatz, damit sie in dem überfüllten Saal geschützt blieb. Die Erinnerung an dies Ereignis hielt sie fest, und als nach Jahren der Vetter, ein gereifter Mann, vor sie trat – er hatte in Breslau weiterstudiert, war jetzt Prediger in Warschau, hatte geheiratet und seine Frau verloren – gab sie ihm nach kurzem Sichkennenlernen das Jawort; es schreckte sie nicht, daß sie gleich die schwere und verantwortungsvolle Pflicht auf sich nahm, drei Knaben zu erziehen, von denen der älteste zehn Jahre alt war[1].

Dr. Goldschmidt war ein freigeistiger Mann, dem jede Orthodoxie fernlag, zu ihm konnte seine Frau auch das Wort sagen: „Meine Erzväter sind Schiller, Lessing und Goethe.“

Henriette Goldschmidt hat sich dabei immer zum Judentum bekannt, zu der monotheistischen Weltanschauung. Sie sagte davon: „Wenn auch der Kultus im Lauf der Jahrhunderte verschiedene Formen angenommen hat, so ist doch der innerste Gedanke in der Gesamtheit derselbe geblieben. Das Grundprinzip, der Einheitsgedanke, der Monotheismus bleibt unangetastet. Diese Bemerkung erklärt auch meinen eigenen Standpunkt. Ganz und gar erfüllt von dem, was der deutsche Geist gezeitigt hat, und begeistert von den Idealen, die der deutsche Genius zu gestalten strebt, ist mir die Tradition meiner Väter heilig geblieben. Die Einheitsidee alles Seins ist als religiöse Idee Monotheismus.“

In dieser Grundanschauung fanden sich die Gatten, und Henriette Goldschmidt-Benas hat daran festgehalten. Auch hier zeigte sich die gerade Linie, die durch ihr ganzes Leben geht, dieses unverrückbare Sich-selbst-treubleiben. Bei dieser Denkungsart mußte es später die Greisin, die von jeher allen Auswüchsen des Judentums ganz fern stand, tief schmerzen, als sie den wachsenden Antisemitismus der Kriegsjahre noch erlebte, wie sie ihn schon in den siebziger Jahren erlebt hatte. Ihr reiner, hoher, nur dem Geistigen zugewandter Sinn konnte diese Bewegung einfach nicht verstehen. Zu einer jüngeren Freundin sagte sie einmal, es war kurz vor ihrem Tode bei einer Auseinandersetzung über die Gründe, die zum Antisemitismus führen können, ganz still und feierlich wie ein Gebet das Goethesche Wort:

Gottes ist der Orient!

Gottes ist der Okzident!

Nord- und südliches Gelände