Haben wir den Keim der Frauenfrage in der größern gemütlichen und geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit gefunden, so ist dieser Keim mächtig zur Entfaltung gelangt durch die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel zur Selbständigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so lange, bis man zu der Meinung kam, die Frau sei zu einer wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt. Das Wort: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ beziehe sich nicht auf die Frau.
Und nicht nur die Frauen, auch Männer und wohlwollende, einsichtige Männer halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden Volksgeistes unserer bemächtigt hatte und in der sogenannten romantischen Periode seinen Höhepunkt erreichte. Wie soll man es sich sonst erklären, daß Frauen die Freiheit in bezug auf ihre Persönlichkeit soweit ausdehnen können, daß sie in geselligen Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstübungen und Kunstgenüssen, in der Sorge um ihre Toilette sich vollständig ausleben und dabei doch das befriedigende Gefühl haben, ihren weiblichen Beruf zu erfüllen? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine gefährliche Freiheit, eine kühnere Emanzipation als jede andere. Wie aber soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen? Man faßt ja das Wort „Emanzipation“ als gleichbedeutend mit Selbständigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Zeit, über ihre Kräfte für den Müßiggang benutzten, wären nicht emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur Selbständigkeit, aber zur Selbstheit, zum Egoismus, wenn die Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu verträumen, zu verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie für den Schein erzogen, dem Manne gegenüber auf ihren Schein besteht und es als schuldigen Tribut für ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu solch’ müßigem Traum- und Genußleben zu verschaffen?
Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten, von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprüche, die gerade unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstfleiß erzeugt hat, so wird man sich nicht wundern, daß die Ehelosigkeit in den höheren, gebildeten Gesellschaftskreisen überhand genommen. – So teile ich aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten großen Kriegen folgendes Verhältnis mit: In Preußen betrug damals die Zahl der unverheirateten Mädchen im Alter von über 16 Jahren 1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter über 16 Jahre keinen Maßstab bietet, da es ja die Heiratsmöglichkeit in sich schließt. Wenn aber in Preußen die Zahl der unverheirateten Männer im Alter von über 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist für die Million achtmalhunderttausend Mädchen kaum die Hälfte der Ehestandskandidaten vorhanden.
In welchem Lichte muß diesen statistischen Zahlen, diesen unleugbaren Tatsachen gegenüber, die Meinung sich befinden, die in hochtönenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: „Die Bestimmung des Mädchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses.“ Nochmals sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvölker diese Anschauung festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhältnisse begründet, für unsere Kulturverhältnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.
Noch dunkler und trüber fast sind die Schatten, die unsere Kultur begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten. Hier zeigen sich in Rücksicht auf die Lebensdauer der beiden Geschlechter ganz merkwürdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur verbraucht ein gut Teil männlicher Arbeitskraft. Das Militärwesen, das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprüchen an Menschenkraft vernichtet viele Männer in der Blüte der Jahre. Ich entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre 1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als Ausnahmezustände denken will; also 1864 gab es in Preußen rund 700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preußen verzeichnet fand: Von dem Geschlechte, über welches die Stürme der ersten französischen Revolution brausten, sind 160 Männer am Leben, dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. – Vom 50. Jahre tritt die Erscheinung auf, daß die Sterblichkeit der Männer größer ist als die der Frauen, und so gestaltet sich die spätere und gewiß die schwerere Hälfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: „Das Weib vereinsamt mit den zunehmenden Jahren“. Und nicht nur der Tod, auch das Leben raubt der Frau früher als dem Manne den betrüglichen und doch oft erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der einsame Mann außerhalb des Hauses, wie wenige die alternde, einsame Frau!
Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst gestellt, und die ganze Hälfte des Menschengeschlechts nicht mit den Mitteln ausrüstete, die zur Selbständigkeit gehören. Denn ist es nötig, das Bild des materiellen Elends, der quälenden Sorge um des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen entgegentritt, zu entrollen?
Wenn wir die Schatten in Umrissen zeichnen, die unsere Frage als eine Kulturfrage erscheinen lassen, so müssen wir, so schwer es uns auch fällt, auf die unheimlichste Gestalt unser Augenmerk richten, die namentlich in großen Städten ein nicht nur gespenstisches, sondern offenes Wesen treibt. Ich werde hier keine Zahlen nennen, ich vermag es nicht, deutlich zu sprechen, und doch muß ich darauf hindeuten, als den wundesten Punkt unserer Kulturzustände: Neben den einsamen Mädchen, die in kümmerlicher Weise ihren Lebensunterhalt gewinnen, neben den bleichen, kummervollen Witwen gibt es noch andere Gestalten: Sie sehen nicht bleich aus, weil die Schminke den Moder bedeckt, sie schleichen nicht dürftig und kummervoll einher, weil Seidengewänder das Elend verhüllen, aber sie werfen den dunkelsten Schatten auf unsere lichtvolle Kultur. Der Genius der Menschheit wendet sich errötend von ihnen ab. Dürfen wir uns aber abwenden, wenn wir bedenken, daß es eine bestätigte Tatsache ist: „Der größte Teil dieses elendesten Elends stammt aus materieller Not und schlechter Erziehung.“
Betrachten wir die Schäden, die Krankheiten, die Auswüchse an dem so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe Zeit, sich Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Es ist für unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, daß wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen aufgeben müssen. Wir sind in Übereinstimmung mit unserem Schöpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das Urrecht jedes Geschöpfes, das Recht auf Existenz für uns in Anspruch nehmen. Jedem Wesen hat die gütige Natur die Mittel zu seiner Existenz gegeben – und uns sollten sie versagt sein? Gebraucht jedes Naturwesen seine Kräfte zu seiner Selbsterhaltung, so ist das Recht auf menschenwürdige Existenz gewiß das Urrecht jedes in Gottes Ebenbilde geschaffenen Wesens. Menschenwürdig ist es aber, die Kräfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu gebrauchen, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen willen, um der Gesamtheit willen.
Wir wollen die gesunden Kräfte des Volkes in unsern Töchtern entwickeln, wir wollen ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer geistig sittlichen Anlagen geben und zwar allen, nicht nur den Armen, auch den Wohlhabenden; denn auf dem Gebiete geistiger Arbeit ist der Gebende so reich und so arm wie der Empfangende, hier sind alle gleich bedürftig.“
Die Lösung der Frauenfrage ist für Henriette Goldschmidt – hier weiß sie sich eins mit allen großen Führerinnen der Frauenbewegung – im Grunde nur möglich durch gründliche Reform der gesamten Frauenbildung. Es war daher kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, daß damals fast alle großen Frauentagungen beschlossen, „anstatt mit der Fassung von Resolutionen, mit der Gründung eines Frauenbildungsvereins, der es für seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt), Fortbildungsschulen für Mädchen zu errichten.“ Jeder, der die Mädchenschulverhältnisse der damaligen Zeit einigermaßen kennt, wird wissen, wie notwendig das war. Es gab damals außer der Volksschule und der meist in Privathänden ruhenden sogenannten höheren Töchterschule nur noch eine einzige Bildungsstätte, das war das Lehrerinnenseminar.