Dieser Großvater, der in seinen letzten Lebensjahren immer weiß gekleidet ging, stand seiner Frau wie ein höheres Wesen vor Augen, und die Ehrfurcht vor der Weisheit des Mannes ging auch auf die Enkelkinder über. Die Großmutter selbst mit ihrer liebevollen Güte lebte noch lebendig in der Erinnerung der Enkelin. Von den Kindern blieb nur der Vater Henriettes in Krotoschin. Henriette war Art von seiner Art, war es innerlich und wohl auch äußerlich, denn noch in späteren Lebensjahren erinnerten die Greisin selbst manche ihrer Bewegungen an den Vater. Dieser, ein sehr lebhafter, fortschrittlich gesinnter Mann, pflegte manchmal zu sagen, wenn seine Kinder allzu leidenschaftlich in politischen Fragen Partei nahmen: „Ich habe doch sonderbare Kinder!“

Daß er selbst in seiner Art Vorbild der Kinder war und erheblich in seinem Wesen von dem seiner Mitbürger abstach, kam ihm dabei kaum zum Bewußtsein. Seine Tochter schildert ihn im Anschluß an den aus Kaufleuten bestehenden jüdischen Teil der Bevölkerung Krotoschins:

„Meinem Vater sagte der Kleinkram des dortigen Geschäftslebens wenig zu, er konnte sich nicht beschränken, an den zwei Markttagen der Woche von den Bauern Getreide zu kaufen und an den Müller zu liefern, er trat in Beziehung zu Geschäftshäusern in Stettin, Berlin und Hamburg. So waren seine Unternehmungen als Kaufmann großzügiger Natur. Da seine Jugend in den Anfang des 19. Jahrhunderts fiel, erlebte er die Befreiungskriege mit, und sein Sinn blieb stets der Geschichte und den politischen Erscheinungen der Gegenwart zugewendet. So verfolgte er, der überaus beschäftigte Kaufmann, mit wärmster Anteilnahme und lebhaftestem Interesse die innere Bewegung der vierziger Jahre, die auf allen Gebieten des Geisteslebens die Gemüter ergriff.“

Neben dem Vater, der Stiefmutter und den Geschwistern (vier waren zwischen ihr und der zehn Jahre älteren Schwester noch im frühesten Kindesalter gestorben), mit denen die junge Henriette innige Liebe verband, waren es noch einzelne Gestalten, die schattenhaft in der Erinnerung der alten Frau auftauchten. Vor allem war es eine Tante Ninon, an die sie sich lebhaft erinnerte. Diese Tante Ninon hatte offenbar ein großes schauspielerisches Talent besessen, sie wußte ganze Rollen auswendig, mimte sie den Kindern vor und fesselte die kleine Schar auch immer wieder durch phantastische Erzählungen von einer Reise nach – Breslau. Dann lebte noch ein greiser Onkel in der Erinnerung der alten Frau fort, der noch mit etwa neunzig Jahren zu sagen pflegte, wenn jemand vom Tode sprach: „Zu was brauche ich mich zu sputen auf das, was mir so gewiß ist.“

Ganz frühe Kindheitserinnerungen knüpften sich noch an einen Brand, bei dem eine Anzahl Häuser vernichtet wurde, und der ihrem Vater, der sie selbst aus seinem gefährdeten Hause trug, beinahe Freude bereitete, da er in seinem Optimismus bereits an Stelle der engen, ungesunden, winkeligen Quartiere neue helle Heimstätten erstehen sah.

Sonst hatten sich ihr die frühen Kindheitserinnerungen durch ihr reiches späteres Erleben ziemlich verwischt; lebhaft gedachte sie noch eines Gartens, in dem die Kinder für wenige Pfennige so viel Beerenobst essen durften, wie sie wollten, und dabei manchmal des Guten etwas zuviel taten. Es ist bezeichnend für das Kindheitserinnern, daß diese beiden zeitlich auseinanderliegenden, ganz verschiedenen Tatsachen den stärksten Eindruck hinterlassen haben.

Die Schule vermittelte der jungen Henriette nur geringe Bildungswerte, sie war aber dennoch die Ursache, daß die Greisin, schon fast neunzig Jahre alt, einige kurze Aufzeichnungen machte. Zur Eröffnung der Hochschule für Frauen in Leipzig 1911 sandte nämlich der Direktor der Töchterschule in Krotoschin einen Glückwunsch, verbunden mit einer Einladung zum fünfundsiebzigjährigen Jubiläum der Schule, zu deren ersten Schülerinnen die junge Henriette gehört hatte. Sie schrieb davon später nieder:

„Dieser Rückblick auf die lange hinter mir liegende Vergangenheit brachte mir den Weg zum Bewußtsein, den ich zurückgelegt. Nur einem inneren Drange folgend, bin ich von der kleinen Stadt in der Provinz Posen in die deutsche Kulturwelt hineingewachsen. Ohne einen anderen Unterricht als den dürftigen einer Elementarschule und den Besuch eines Jahreskursus in einer, aus einer Klasse bestehenden Töchterschule, bin ich zur Gründung einer Hochschule für Frauen gelangt in einer der anerkanntesten Kulturstädte des Vaterlandes.

Mit vierzehn Jahren hatte ich meine Schulzeit beendet. Eine große Bereicherung hat sie mir nicht gebracht, dennoch ist sie natürlich nicht ohne Einfluß auf meine innere Entwicklung gewesen, brachte sie mich doch in Beziehung zu Mitschülerinnen aus einem anderen, als dem gewohnten Lebenskreise. Zum erstenmal trat ich Töchtern aus dem deutschen Beamten- und Offizierstand nahe, empfand zum ersten Male, daß diese sich in bevorzugter Stellung den jüdischen Mitschülerinnen, also auch mir gegenüber zu befinden glaubten, und es kam zu kleinen Zwistigkeiten zwischen uns. Einen Streit hatte ich mit einer adeligen Majorstochter, die das vertrauliche Du, das wir fast alle untereinander gebrauchten, auch bei mir anwendete, sich aber berechtigt fühlte, sich von mir den gleichen Gebrauch ihr gegenüber zu verbitten. Ich war darüber derartig entrüstet, daß ich den Eintritt des Lehrers überhörte, so daß er Zeuge des Streites wurde. Zur Ehre dieses Lehrers sei erwähnt, daß er sich meiner, der Herausgeforderten, annahm und das junge Fräulein von Soundso in seine Schranken zurückwies. So jung ich damals war, so hatte ich doch in einer Zeit und in Verhältnissen, in denen es als selbstverständlich galt, die Juden nach Belieben zu behandeln, so viel Persönlichkeitsgefühl, um gegen solche mich beleidigende Behandlungsweise gewappnet zu sein!“

Das starke Gerechtigkeitsgefühl, das leidenschaftliche Temperament rissen die junge Henriette auch manchmal zu unbedachten Äußerungen hin. An den Wortlaut des Streites mit einer Mitschülerin aus einer anderen Gesellschaftsschicht erinnerte sie sich nicht mehr genau. An eine Szene aber dachte die Greisin noch mit heiterem Lachen. Der Lehrer wandelte in der Klasse auf und ab, und stieß von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer aus und jedesmal sagte er, vor Henriette Benas stehenbleibend, dumpf: „Wem gelten diese Seufzer? Dir, Benas, gelten sie!“ Die Szene machte einen tiefen Eindruck auf die junge Henriette, noch schluchzend trat sie mit der Freundin den Heimweg an und sagte zu dieser, auch einem Jettchen: „Du wirst sehen, daß ich nie mehr im Leben lachen werde.“ Sie hat dann freilich das gute herzbefreiende Lachen wieder gelernt, hat es bis in ihr Alter sich bewahrt und pflegte später lobend von einem Menschen zu sagen: „Er hat so ein gutes Lachen.“