Übrigens blieb sie mit dieser Freundin bis zu deren Tode in tiefster Zuneigung verbunden, und als sich die alten Damen, so um die Wende ihres achtzigsten Lebensjahres herum, endlich einmal wiedersahen, da standen die kleine Stadt, das ganze Leben von damals vor beiden auf, und herüber und hinüber tönte die Frage. „Jettchen, weißt du noch? – Jettchen denkst du noch an unseren sächsischen Klavierlehrer, der immer verlangte, ich sollte mit mehr „Gefiehl“ spielen.“ Jettchen hin, Jettchen her, es war die gute alte Biedermeierzeit, die vor beiden aufstand.

Der große Weise von Weimar lebte noch, als die junge Henriette zum ersten bewußten Leben erwachte, doch seine Sonne stand nicht über ihrer Jugend, ihr kam der Glanz von seinem frühe dahingegangenen Freund, von Schiller. Dieser verklärte ihr Leben, und der Glanz blieb hell, verblich nicht bis zu ihrer Todesstunde; Schiller war und blieb „ihr“ Dichter. Als sie mit 94 Jahren einen Unfall erlitt und sich in ihrer Wohnung eine schwere Kopfverletzung zuzog, die mehrfach genäht werden mußte, fürchtete der treue Arzt nach der Aufregung und dem großen Blutverlust Fieber. Ihre im Hause wohnende jüngere Freundin übernahm die Nachtwache, und als sie an das Bett der Kranken trat, sah diese mit großem tiefen, aus schönen Weiten kommenden Blick zu ihr auf und sagte: „Mein Kind, eben habe ich mir die Ideale von Schiller vorgesagt, wie schön sind sie doch!“

Die junge Henriette lernte ihren Schiller nicht durch Literaturunterricht kennen, sie las, sie erlebte ihn. Als Elfjährige fand sie den Weg zu ihm. Da die Mutter Lesen abends bei Licht für überflüssig hielt, saß sie im Mondenschein auf dem kleinen engen Haushof und las mit klopfendem Herzen, das Buch dicht vor die Augen haltend. Sie trank des Dichters Worte in sich hinein, und sie war Johanna, sie war Maria Stuart, sie lebte und litt mit den Gestalten seiner Werke und einmal ergriff sie sogar im Eifer eine Stange, die auf dem Hofe stand, und rief mit lauter Stimme über den Hof: Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften!

Ein so großes Verstehen der Werke unsrer schöpferischen Pädagogen sie später als Henriette Goldschmidt zeigte, und so viel sie in ihrer Arbeit der Jugend diente, auch einer unserer besten von den älteren Jugendschriftstellerinnen, Emma Wuttke-Biller freundschaftlich nahe trat, so hielt sie doch lange Schillers Werke für die geeignetsten Jugendschriften. Sie fand, die Jugend, die Schiller besaß, brauche keine anderen Bücher. Ihren drei Stiefsöhnen las sie in Krankheitstagen besonders gern Schiller vor, und der eine, damals zehnjährig, fragte sie einmal: „Mutter, warum ist es denn Unrecht, daß Don Carlos seine Mutter liebt, ich liebe dich doch auch!“ Die Begeisterung für Schiller fand auch bei den Geschwistern Widerhall, besonders wurde die fünf Jahre jüngere Schwester Ulrike bald die vertrauteste Freundin der jungen Henriette. Das hochbegabte Mädchen teilte ihre geistigen Interessen frühe, während die anderen Schwestern etwas außerhalb standen, die älteste hatte sehr frühe geheiratet, eine andere Schwester aber war schon als Kind schwer krank. Mit dem Bruder dagegen waren die Schwestern innig vertraut, dennoch fand er sich manchmal zurückgesetzt, und den Vorzug, der einzige Sohn im Hause zu sein, nicht recht gewürdigt. Er klagte dann wohl: „Ich bin doch euer einziger Bruder, den ihr habt.“

In dies herzliche Geschwisterleben fiel ein schwerer, dunkler Schatten, als die älteste Schwester, noch nicht dreißigjährig, während einer Typhusepidemie starb. In ihren Aufzeichnungen schreibt die Greisin darüber: „Meine Schwester hinterließ drei Kinder, deren jüngstes noch bei der Amme war. Wir Geschwister waren tief erschüttert, tiefer und nachhaltiger, als es sonst die Natur solch jungen Geschöpfen gestattet. Mir, der nunmehr ältesten Schwester, fiel die Sorge um die kleinen Nichten zu, während für den Haushalt des Schwagers eine ältere Verwandte eintrat. Es ist bei solch traurigem Familienereignis wohl die beste und einfachste Lösung, wenn die zweite Schwester den Schwager heiratet und die Mutter ersetzt. Mein Schwager war ein gebildeter Mann, er stand vor dem Abschluß seines Studiums, als er meine Schwester kennen lernte. Da entschloß er sich zu verzichten und trat in das Geschäft meines Vaters ein. Wir lebten in gutem geschwisterlichem Verhältnis miteinander und als er nach Ablauf des Trauerjahres mit meinem Vater über die Verbindung mit mir sprach, sagte dieser: „Sie können ja mit meiner Tochter über die Verbindung selbst reden, ich glaube, Sie verstehen sich gut miteinander.“

Und auch ich glaubte es, die ich nur von dem Wunsche beseelt war, die verwaisten Kinder vor dem Schicksal einer anderen Stiefmutter zu bewahren. Es dauerte ziemlich lange, ehe ich mir klar wurde, daß mein Gefühl für die Kinder sich nicht auf den Vater übertragen ließ. Und so kämpfte ich in jungen Jahren einen harten Kampf, dessen Bedeutung ich erst viel später erkannte. Es war ein Kampf des unbewußten Gefühlslebens, das sich zu behaupten suchte, trotz des eigenen Widerstandes. Dieser Abschnitt meines Lebens könnte in einer Biographie einen Raum einnehmen, der für die Kenntnisse des Seelenlebens wertvollen Stoff lieferte.“

Die bald sich zeigende Eifersucht des Schwagers, der die junge, ungewöhnlich reizvolle Schwägerin mißtrauisch überwachte, war der tiefste Grund dieser immer mehr wachsenden Abwehr. Die junge Henriette fühlte, von ihrem inneren Leben sollte Besitz ergriffen werden, und sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen; sie spürte es, nur der Mann, der ihrer eigenen Natur gerecht wurde, der ihr den Eigenwert ihres inneren Menschen ließ, konnte der sein, dem sie sich einmal zu eigen gab. So hatte sie schon mehrfach Bewerber abgewiesen und so fand sie auch hier den Mut des Neinsagens in diesem schweren seelischen Konflikt. Sie selbst bekannte: „Ihn zu überstehen half mir die revolutionäre Bewegung der vierziger Jahre, das Jahr 1848.“

2. Die Bewegung der vierziger Jahre.

In vielen Dingen hatte der Kaufmann Benas in Krotoschin sehr moderne Anschauungen, so verlangte er, damals etwas ganz Ungewöhnliches, von seinen Töchtern, sie sollten jeden Tag spazieren gehen. Und da die Auswahl der Spaziergänge gerade nicht groß war, gingen die beiden Mädchen Henriette und Ulrike beinahe täglich die Landstraße entlang, die nach Zduny führte. Den Reiz der großen Weite, die dem freien Blicke keine Grenzen zu geben scheint, hatte man damals noch wenig erkannt, die beiden Schwestern fanden daher ihren täglichen Weg einförmig genug. Die junge Ulrike rief da manchmal verzagt: „Und von hier aus soll man eine Weltanschauung bekommen?“