4. Kapitel.
Stille Tage.
Der Herbst drang immer weiter vor. Die Bäume mußten ihr schönes buntes Laub hergeben, nur die Eichen hielten trotzig ihre braunen Blätter fest; das Obst war in den Kammern geborgen und im Garten blühten nur noch einige kümmerliche Astern. Die Tage waren hell und schön, der Himmel von klarer, durchsichtiger Bläue, die Sonne sah unentwegt leuchtend von dem wolkenlosen Himmel herab. Es war jedoch ein kalter Glanz, früh am Morgen hing weißer Reif an Bäumen und Sträuchern und lag wie ein Schleier auf der Erde. In den großen Öfen des Kloningkener Herrenhauses prasselte schon früher als sonst im Jahre das Feuer.
»Der Schäfer prophezeit einen frühen, harten Winter,« sagte der Vogt zu Frau Friederike, die an seiner Seite über den Hof schritt. »Ein harter Winter wird viel Not ins Land bringen,« setzte er seufzend hinzu.
»Wann wird die Zeit der Not enden?« murmelte die Frau, ihre Augen sahen ins Weite. »Ein früher, harter Winter und die große Armee in Rußland!« Sie schauerte leicht zusammen, »ja, wann wird die Zeit der Not enden?«
Und wirklich trat ein früher Winter ein, eine ruhige, stille, immer mehr und mehr wachsende Kälte, Schnee fiel, und Kloningken lag bald wie abgeschieden von der Welt da. Immer seltener drang eine Nachricht von der Außenwelt in die Stille, und von dem Feldzug in Rußland erfuhren die Kloningkener wenig, so nahe sie auch der Grenze waren. Von dem Brand Moskaus freilich hörten auch die Leute in ihrer Einsamkeit. Man glaubte allgemein, die Stadt sei auf Befehl Napoleons angezündet worden, und voll zorniger Empörung vernahm man die Kunde. Manche Hand ballte sich da heimlich zur Faust, manche bittere, zornige Verwünschung wurde laut. Mitunter kam der Gutsherr von Schönheide, man saß dann entweder bei Pfarrers oder im Wohnzimmer Frau Friederikes, und es waren ernste Worte, die da gesprochen wurden. Manchmal kamen auch die Bauern und der Lehrer zusammen, und sie redeten von der Not der Zeit; sie machten nicht viel Worte, aber aus ihren kurzen, schlichten Reden heraus klang es wie ein Schrei nach Rettung. Nun der Winter eingetreten war, fühlte man erst recht den Mangel an Vorräten. In vielen Häusern in der Stadt und auf dem Lande war in jener Zeit Schmalhans Küchenmeister, und mit Leckerbissen wurden die Kinder nicht großgezogen. Sie waren aber trotzdem guter Dinge. Es gab auch in diesen Wintertagen wundervolle Schlittenfahrten und Schneeballschlachten, bei denen selbst Walter zuweilen all seinen Ernst verlor. Einmal kam Luise auf den Gedanken, ein Regiment Schneemänner zu formen. Dieser Plan fand ungeteilten Beifall, und ein ganzer Sonnabendnachmittag wurde dem Spiel gewidmet. Es wurden freilich nur fünf Männer fertig, aber diese fünf standen so stattlich und drohend gerade vor dem Eingang zum Hühnerstall, daß Jungfer Karoline ordentlich über die fünf weißen Kerle erschrak.
»Der eine hat gerade so ein Gesicht wie Krämer Lorenzen in R…, und solche Ähnlichkeiten sind mir nicht agreable,« behauptete sie.
Der arme Krämer Lorenzen hatte nun zwar nie in seinem Leben eine Holznase und Kohlenaugen besessen, trotzdem behielt der Schneemann seinen Namen. Er behielt ihn so lange, bis Hans-Heinrich eines Tages ein Kriegsspiel angab, da wurde den armen Schneemännern mit Schneebällen und Lanzen aus Bohnenstangen der Garaus gemacht. Vogt Schwarze stand dabei und rief ingrimmig: »Man los, nur feste darauf zu!«
Vom Fenster des Wohnzimmers aus aber sah Frau Friederike mit sorgenvoller Miene dem Spiele zu. Ein Spiel war's nur, kindlich und töricht, aber ihr war das Spiel ein Symbol für ernste Taten. Ihr Mutterherz bangte um den Sohn, den Sohn des heldenmütigen Vaters, der jetzt im Spiel seine junge Kraft erprobte. Am liebsten hätte sie ihn herausgerissen aus der frohen Schar da unten, aber durfte sie ihn denn seiner Freuden berauben? Zuletzt aber hielt sie es nicht mehr aus in ihrer Unruhe. Sie ging hinaus und schalt heftig auf Renate und Luise, es sei unpassend für Mädchen, so wild zu spielen. Sie fühlte selbst, daß sie ungerecht war in ihrem Zorn, daß sie ohne Grund die Freude der Kinder störte. Es tat ihr dann selbst bitter weh, als alle betrübt auseinandergingen, was war aber doch deren leicht vergessener Schmerz gegen ihre nimmermüde Mutterangst!