6. Kapitel.
Eine Neujahrsnacht.

So kam des Jahres Wende heran. Auf verschneiten Wegen wandelten die Leute von Kloningken um Mitternacht zur Silvesterandacht. Truppweise gingen die Bewohner der einzelnen Gehöfte, nur die Kleinsten der Kleinen und die Kranken blieben daheim. Jeder trug eine Laterne oder eine brennende Wachskerze in der Hand, und der kleine Fritz Flemming war glücklich, daß er auch mit einem brennenden Kerzlein zum Gottesdienste gehen durfte. In der Kirche stellte sich jeder sein Licht auf seinen Platz, und es war, als schaue Pfarrer Flemming auf lauter Sternlein herab, als er die Kanzel betrat und um Segen für das kommende Jahr bat. Die Gebete, die in dieser Nacht zum Himmel emporstiegen, waren so heiß und inbrünstig wie selten.

Draußen war es schneidend kalt. Die Sterne glitzerten an dem tiefdunkeln Himmel, der Schnee knirschte unter den Füßen und der Wind drang mit Messerschärfe durch die dicken Winterumhüllungen. Als die Leute die Kirche verließen, da dachte mancher voll Behagen an sein Heim, wenn es auch ärmlich war, so war es doch warm, war ein schützendes Dach. Vogt Schwarze sagte, als er die Hoftür verschloß: »Heut' ist's nicht gut sein auf der Landstraße. Was, Demoiselle Karoline, heute möchte Sie nicht draußen lustwandeln?«

Die Jungfer verwies ihm ärgerlich solche Reden. »So was ist nicht agreable zu hören, nach 'nem feierlichen Kirchgang, merk' Er sich das!«

Der alte Mann lachte, er ging noch einmal durch das Haus und durch die Ställe, dann erst legte er sich zur Ruhe.

Bald verlöschten alle Lichter im Hause, nur in dem Zimmer der Hausfrau brannte noch eins, das hell in die kalte Winternacht hinausleuchtete. Wie ein glänzender Stern stand es in der Dunkelheit, so erschien es auch zwei Wanderern, die sich auf der verschneiten Straße mühsam fortschleppten. Der eine hing an des anderen Arm, er taumelte nur noch, seine Augen waren halb geschlossen, und mitunter sank er seufzend zusammen. Dann riß ihn sein Gefährte wieder empor, und sie wankten weiter.

»Voilà ein Licht, Kamerad!«

»Ein Licht!« Die Augen der beiden Wanderer öffneten sich weit. Sie wußten nicht mehr, wie lange sie gewandert waren durch den endlosen Wald, wußten nicht mehr, wo sie sich befanden. Hoffnungslos, stumpf, zum Tode erschöpft, kraftlos vor Hunger, so schleppten sie sich seit Tagen durch die eisige Winterkälte hindurch.

Ein Licht! Dort strahlte es hernieder, sah so friedlich in die kalte Nacht hinaus, und dies kleine Licht gab den beiden wieder etwas ihren Mut zurück. Sie strebten vorwärts, nahmen ihre letzte Kraft zusammen, immer die Augen angstvoll auf das Licht gerichtet, als könnte es verlöschen, ein Irrlicht sein, das sie genarrt hatte.