1. Kapitel.
Im Herrenhaus zu Kloningken.

In das große Wohngemach des Herrenhauses zu Kloningken drang der Duft der blühenden Holunderbüsche. Die Sonnenstrahlen lugten durch das dichte Laub des Pfeifenkrautes, welches die Südwand des Hauses umzog, sie malten große leuchtende Flecke auf den weißgescheuerten Fußboden und sie flimmerten auf den steifen, weißlackierten Möbeln. Das Zimmer war ganz in einen grüngoldenen Glanz getaucht, selbst die alte Kastenuhr in der Ecke hatte noch etwas von dem Schimmer abbekommen. An einem der weitgeöffneten Fenster saß eine schlanke Frau, die Herrin des Hauses, Friederike von Seeheim. Die Frau trug ein schwarzes Gewand, ein weißes Flortuch war um ihre Schultern geschlungen, und durch das volle aschblonde Haar zogen bereits silberne Fäden. Wie ein schönes steinernes Bild, so saß die Frau in all dem strahlenden Frühlingslicht, selbst das leise Lachen, das mitunter wie Vogelgezwitscher durch das Zimmer tönte, fand keinen Widerschein auf ihrem blassen, fast finsteren Gesicht. Das Lachen kam von dem andern Fenster her, dort saßen mehrere Kinder traulich beisammen. Ein Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren hatte den Platz vor einem zierlichen Nähtisch inne. Renate von Bergen, so hieß die Kleine, trug ein weißes Kleid, das ihr bis auf die Knöchel herabfiel und noch die in Kreuzbänderschuhen steckenden Füßchen sehen ließ, eine schwarze Schärpe schlang sich dicht unter der Brust um das Kleid. Dichte Zöpfe hingen ihr auf den Rücken herab und das Blondhaar legte sich schlicht um ein sanftes liebliches Gesicht. Sie zeigte einem jüngeren Mädchen einige Stiche an einer linnenen Decke, sie tat es mit viel freundlicher Geduld, ohne daß es ihr gelang, die Aufmerksamkeit der Gefährtin zu fesseln. Diese andere, die Tochter des Kloningkener Pfarrers, Luise Flemming, war ganz das Gegenteil von Renate, dunkles, lockiges Haar umkrauste eine niedrige Stirn und braune Schelmenaugen blitzten unter langen Wimpern hervor. Sie schnitt allerlei Grimassen zu zwei Knaben hinüber, ihrem Bruder Walter und Hans-Heinrich von Seeheim, dem Sohn des Hauses. Beide Knaben saßen dicht nebeneinander, sie lasen eifrig in einem Buch und sie achteten wenig auf das, was um sie herum geschah. Luise konnte viel nicken und kichern, »die Leseratten«, wie sie schmollend die beiden nannte, merkten nichts von ihren Schelmereien. Desto mehr Beifall aber fanden diese bei ihrem jüngeren Bruder, dem vierjährigen Fritz. Dessen rundes Apfelgesichtchen strahlte, er fand alles was die Schwester tat sehr komisch, und immer wieder durchtönte sein Lachen die Stille des Zimmers. Dann flog jedesmal ein mißbilligender Blick der Hausfrau zu den Kindern hin und Renate bat ängstlich: »Sei doch still, Luise!«

Plötzlich wurde hastig die Tür geöffnet und eine dicke ältere Frau trat rasch ein. Auf ihrem Haupte thronte eine weiße, mit feuerroten Schleifen geschmückte Riesenhaube, und als die Frau den Kindern zunickte, nickten die Schleifen mit, wie ein paar Mohnblumen im Winde. Luise kicherte leise und Fritz lachte laut. Die Eingetretene aber machte vor Frau von Seeheim eine sehr tiefe, sehr kunstvolle Verbeugung und sagte: »Wollen die gnädige Frau Baronin nicht die Güte haben hinauszukommen, der alte Barduwik aus Schönheide ist da, um etwas zu bestellen. Er ist sehr embarrasiert von wegen seiner schmutzigen Stiefel und wagt nicht, im Chambre der gnädigen Frau seine Devotion zu machen.« –

Ein flüchtiges Lächeln huschte über das ernste Gesicht der Hausfrau, sie legte sorgsam ihre Arbeit zusammen und ging, die Nachrichten zu hören, die ihr ihre Verwandten sagen ließen. Jungfer Karoline oder, wie sie sich lieber nennen hörte, Demoiselle Karoline, folgte in zierlichem Tanzschritt ihrer Herrin nach. Die Jungfer war ein rechtes Faktotum in Kloningken, sie vereinigte viele Ämter in einer Person und war Wirtin, Gesellschafterin und Kammerzofe zugleich. Vor allem aber war sie die Vertraute ihrer Herrin in vielen Dingen. Sie war in der Jugend Frau von Seeheims Spielgefährtin gewesen und hatte die heiteren Mädchenjahre mit ihr verlebt. Später hatte sie dann mehrere Jahre in einem reichsgräflichen Hause als Zofe gedient und hatte dort, wie sie stets betonte, feine Manieren und Sprache gelernt, durch die sie nun im Dorf Kloningken und bei den übrigen Dienstboten in besonderem Ansehen stand.

Kaum hatte Herrin und Dienerin das Zimmer verlassen, als Luise aufsprang. »Uf,« rief sie, »gut, daß die Frau Pate hinausgegangen ist, Renate, schilt nicht, ich kann nicht mehr arbeiten, ich bin schon ganz steif von diesem ewigen Stillsitzen.« Sie warf die Leinewand, an der sie gearbeitet hatte, hoch empor und fing sie lachend wieder auf. »Kinder, hört, ich muß wirklich einmal in den Garten gehen.« Sie raffte ihr Rosakleid zierlich zusammen und machte eine tiefe Verbeugung, genau so wie vorher Jungfer Karoline, und sagte feierlich: »Wollen die Demoiselle mich gnädigst entschuldigen, und wenn der Herr Junker und der Herr Bruder mich gütigst begleiten wollen, möchte ich anjetzo eine Promenade in den Park unternehmen!« –

»Ob du wohl jemals ernsthaft sein kannst, Luise,« sagte der ältere der beiden Knaben etwas vorwurfsvoll. Er war ein hoch aufgeschossener Jüngling von sechzehn Jahren, ebenso dunkelhaarig wie die Schwester, mit feurigen, braunen Augen und einem trotzig ernsten Zug in dem hübschen Gesicht. Sein Gefährte war kleiner und er sah, trotzdem er nur einige Monate weniger zählte, viel jünger aus. Er glich im Schnitt des Gesichtes, in Haar- und Augenfarbe der Dame des Hauses, nur lag in seinen Zügen eine frohsinnige Heiterkeit, und er schien auch mehr Lust zu haben, auf Luises Scherz einzugehen.

»Warum schiltst du mich, Walter?« schmollte diese. Sie verzog weinerlich die roten Lippen, während große Tränen in ihre Augen traten. Klagend sagte sie: »Sieh doch, wie die Sonne scheint, alles blüht draußen, die Vögel singen, ach, es ist so schön, aber wenn ich mich freuen will und lachen, dann werde ich scheel angesehen!«