Begütigend nahm Renate ihre Hand, »Walter hat es nicht böse gemeint, lache du nur ruhig, wenn es dir danach zu Sinn ist. Nimm Fritz und gehe mit ihm in den Garten, die Frau Tante wird nicht schelten, ich werde rasch deinen Saum fertig nähen!«

»Renate hat recht, Walter! Laß Luise sich doch freuen, sie ist ja noch ein Kind!«

Luise hob das Köpfchen und warf trotzig die Locken in den Nacken. »Pah, ich bin kein Kind, ich werde im November zwölf Jahre alt und du bist noch nicht mal sechzehn!«

Hans-Heinrich lachte. Er verbeugte sich sehr tief und sehr feierlich und bat schelmisch: »Wollen Euer Gnaden mir gnädigst Verzeihung gewähren, und darf ich die Ehre haben, die furchtbar alte Demoiselle in den Garten zu geleiten?«

Von Luises Gesicht wich rasch alle Trauer. Sie hing sich lachend an des Freundes Arm, nahm Fritz an die Hand, und die kleine Gesellschaft verließ unter munterem Geplauder das Zimmer. Bald erschallten vom Garten herauf ihre heiteren Stimmen, erst nah, dann fern und ferner, zuletzt verhallten sie ganz und in dem Zimmer war es wieder still geworden. Mit einem leisen Seufzer beugte sich Renate wieder über die Arbeit und emsig flog die Nadel auf und ab. Walter las weiter in seinem Buche. Er hatte alles um sich herum vergessen und er schrak ordentlich zusammen, als leise die Tür klappte und Frau von Seeheim wieder das Zimmer betrat. »Die andern sind in den Garten gegangen,« sagte Renate, die den fragenden Blick der Tante verstand.

»Luise kann es nie bei einer Arbeit aushalten,« sagte diese ein wenig mißbilligend. Sie nahm ihren Platz am Fenster wieder ein, sie nahm ihre Arbeit aber nur lässig in die Hand. Der sorgenvolle Ausdruck auf ihrem Gesicht hatte sich vertieft und immer wieder ruhten ihre Blicke auf einem Bild, das ihr gegenüber an der Wand hing.

Es stellte einen Offizier in Kürassieruniform dar, einen schönen Mann, mit einem heiteren, frohen Ausdruck im Gesicht, um den Rahmen aber schlang sich ein schwarzes Florband.

Renate sah dies wohl. »Die Tante hat Sorgen,« dachte sie schmerzlich bewegt, »vielleicht hat sie eine traurige Nachricht bekommen! Was mag es sein?«

Fast beklemmend wurde die Stille im Zimmer, zuletzt ließ auch Renate ihre Arbeit sinken und starrte hinaus in den vom Sonnenschein überfluteten Garten. Draußen war es so schön und friedlich, trotzdem stieg in dem Herzen des jungen Mädchens eine heiße Angst empor, sie meinte in der Ferne ein dumpfes Dröhnen zu hören. Sie hatte ein Gefühl, als käme ein Unheil näher und näher und bange lauschte sie.