Nach dem Durchmarsch der Kosaken trat wieder Stille ein, und unter Hoffen und Zagen schritt der Sommer weiter. Das Korn hatte geblüht, das Korn war gereift, und manche Frau schwang in diesem Jahre die Sense, den goldenen Segen zu mähen. Der Wind strich bereits über die Stoppeln, und aus dem Blättergewirr der Obstbäume leuchteten in bunten Farben die Früchte hervor. Frau Friederike saß jetzt viel im Pfarrhaus, ihre schönen weiten Zimmer schienen ihr verödet, seit Hans-Heinrich fort war. Auch im Pfarrhause war es stiller denn sonst, selbst Luise war ruhiger geworden. Die Ereignisse der Zeit, die Sorge um Bruder und Freund, das bange Hoffen auf Nachricht hatte ihre Lebhaftigkeit gedämpft. Sie saß jetzt oft stundenlang emsig bei einer Arbeit und ging der Mutter auch wie ein sittsames Haustöchterchen zur Hand. Aber dann kamen wieder Stunden, wo die sonnige Heiterkeit ihres Wesens den Ernst durchbrach, wo ihr helles, frohes Lachen durch Haus und Garten schallte. Frau Friederike, die sonst gerade die sprudelnde Lustigkeit Luises so oft getadelt hatte, liebte sie jetzt darum; immer mehr und mehr schloß sie das Mädchen in ihr Herz. Stundenlang saß Luise neben ihr und plauderte, und immer war der Schluß ihrer Worte: »Hans-Heinrich kommt wieder; er und Walter, beide als Sieger!«

Ach, und die geängstigte Mutter hoffte so gern, schöpfte so gern Trost aus Luises kindlicher Zuversicht. Renate sah es wohl, wie die Freundin der Tante immer mehr ans Herz wuchs, und in ihrer selbstlosen Bescheidenheit fand sie es ganz natürlich. Es war ihr aber oft weh ums Herz und sie fühlte sich einsamer als je. Ihr Freund Walter fehlte ihr, niemand hatte sie so gut verstanden, als der ernste, kluge Jüngling. Ihre Sehnsucht, ihren Kummer suchte sie durch Arbeit zu bekämpfen. Pfarrer Flemming hatte ihr den Weg gewiesen, als er einmal zufällig davon gesprochen hatte, daß es die Mütter der kleinen Kinder in diesem Jahre besonders schwer hätten. Sie hatten wenig Zeit, sich um ihre Kleinen zu kümmern, die größten Kinder mußten fleißig in Haus und Feld helfen, und Magister Richter hatte beinahe ununterbrochen Ferien. Renate nahm sich nun der Kleinsten an, und da ihre Tante ihr nicht wehrte, versammelte sie die Kinder so oft sie konnte um sich, entweder draußen im Garten oder bei Regenwetter in der großen Halle des Herrenhauses. Luise half der Freundin, dann ging es freilich laut genug zu, denn Luise fand die wildesten Spiele besonders schön. Manchmal, wenn Renate zur Stille mahnte, sagte sie wohl seufzend: »Nein, Herz, so gut wie du versteht es niemand, die kleinen Quälgeister in Ordnung zu halten.«

Wirklich erfüllte auch Renate, mit einem für ihre Jugend seltenen Ernst, die freiwillig übernommenen Pflichten. Sie ließ sich durch nichts abhalten, und beinahe zögernd folgte sie an einem Oktobertag der Aufforderung ihrer Tante, mit ihr einen Besuch in Schönheide abzustatten. Sie war froh, als Frau Charlotte, die ihr schüchternes Zögern merkte, sich erbot, an ihrer Stelle die Kinder zu überwachen. Da fuhr sie freilich gern mit Frau Friederike und Luise nach dem Nachbargut.

Es war ein stiller, trüber Herbsttag, an dem die Sonne nicht recht die Wolkenschleier zerreißen konnte. »Wir wollen durch den Wald zu Fuß wandern,« sagte Frau von Seeheim auf dem Heimweg. Sie ließ den Wagen voranfahren und ging mit den beiden Mädchen die stillen Waldwege. Anfangs sprachen sie alle drei von Schönheide, von den lieben Menschen dort, allmählich aber verstummte das Gespräch. Selbst die lebhafte Luise schritt still einher. Sie dachte daran, wie sie im vergangenen Jahre zur gleichen Zeit mit Hans-Heinrich und ihrem Bruder durch den Wald gelaufen war. Da hatten sie gelacht und gescherzt, hatten mit den Füßen im welken Laub geraschelt, und heute war es so still, Freund und Bruder waren fern.

Von der Erde stieg ein feiner Modergeruch auf, und weiße Nebelstreifen schwebten zwischen den dunkeln Stämmen wie flatternde Schleier. Der Wind schwieg, dennoch rieselten unablässig die gelben Blätter von den Bäumen herab, still und lautlos sanken sie zu Boden, sie webten der Erde einen dichten bunten Teppich. Plötzlich unterbrach ein gellender Schrei die Stille, ein Raubvogel flog kreischend empor, und ferne verklang der klagende Ruf einer Wildtaube. Ängstlich schmiegte sich Luise an Renate an, »mir ist so bange heute,« flüsterte sie, leicht zusammenschauernd. Frau von Seeheim hatte dieses »mir ist so bange« gehört, und das Wort fand einen Widerhall in ihrem Herzen. Auch sie hatte eine seltsame Bangigkeit erfaßt, eine heiße Angst um ihren Sohn quälte sie, daß ihr, der sonst so Gefaßten, die Tränen in die Augen stiegen. Sie zog die Mädchen mit ungewohnter Innigkeit an sich, und so, fest aneinander geschmiegt, gingen sie durch den herbstlichen Wald.

Als sie heraustraten, war es bereits dämmerig geworden und dichter floß der Nebel über Wiesen und Felder. Schon verschwand die Ferne in Grau, und über Kloningken sanken die Abendschatten nieder. »Wir wollen eilen,« sagte Frau Friederike unruhig. »Vielleicht ist irgendeine Nachricht gekommen, vielleicht ist heute etwas geschehen!« Und wie vorher Luise, sagte auch sie jetzt: »Mir ist es so bange heute.«

Es war aber kein Bote eingetroffen, und die Gutsherrin ging ins Pfarrhaus, um sich Trost in dem friedlichen Kreise zu holen, aber auch dort traf sie sorgenvolle Mienen. Der Pfarrer erzählte, daß er in der Kreisstadt beim Posthalter gewesen sei, dort habe man davon gesprochen, daß in Sachsen sich die feindlichen Heere zusammengezogen hätten, man erwarte eine große Schlacht.