14. Kapitel.
Ein Kapitel, in dem viel von Angst, Sorge und Hoffnung geredet wird.
Die Postverbindung in damaliger Zeit war langsam und durch die Kriegsunruhen im Lande noch doppelt erschwert; dazu waren namentlich die Landleute noch vielfach des Schreibens unkundig, und so geschah es, daß nach dem kleinen Kloningken wenig Nachricht von den Ausgezogenen kam. Einmal schrieb Franz Ragnit, der diese Kunst schon bei Magister Ludwig Fürchtegott Richter erlernt hatte. In dem Brief, den der Magister vorlas, stand: »Liebwertester Vater und liebwerteste Frau Mutter! Ich und Gottlieb sind gesund. Bey einem Dorf, daß sich Groß-Görschen nennt, haben wir den Franzosen ordentlich die Jacke voll gehauen. Der lange Friedrich hat eins in die Rippen bekommen. Es hat ihm keinen Schaden gemacht. Er grüßt Euch. Schmied Strobeck ist auch bey und grüßt auch sein Weib und soll selbige nicht vergessen, die Löcher vom Kuhstall doch mit Stroh frisch zu stopfen. – Unser lieber Herrgott gebe, daß wir die Franzosen bald verjagt haben, womit ich in Ehrerbietung verbleibe
Euer und der Frau Mutter gehorsamer Sohn Georg.« Nachschrift: »Die gute Frau Mutter mag ohne Sorge sein, satt werden ich und Gottlieb. Pfarrers Walter und Herr Junker grüßen mit Gesundheit.«
Der Brief war ein Ereignis im Dorf. Michael Ragnit zeigte ihn jedem, er ging damit zum Pfarrer und der gnädigen Frau und ließ ihn sich von jedem noch einmal vorlesen. Schließlich konnte er und sein Weib ihn auswendig, und seit der Zeit war ihre Achtung vor dem Magister beträchtlich gewachsen. Wie gut, daß der dem Sohn das Schreiben beigebracht hatte.
Aber auch vom Pfarrhaus und Herrenhaus wurden die Nachrichten, die kamen, im Dorf verbreitet. In dieser schweren Zeit kettete die Not die Bande fester, gleiche Sorge, gleiches Leid vereinte alle. Hans-Heinrich und Walter schrieben einige Male, und aus ihren Worten sprach feurige Begeisterung und die feste Hoffnung auf den Sieg. In einem Brief von Walter Flemming standen einmal die Worte:
»O teurer Vater, so habe ich mir nicht den Krieg gedacht, ich schäme mich nicht, Ihnen und der Mutter zu gestehen, daß Hans-Heinrich und ich nach der Schlacht bei Groß-Görschen schlaflose Nächte verbracht haben, und die schreckensvollen Bilder, die wir gesehen hatten, uns noch verfolgten.« –
Aus der Stadt brachte der Pfarrer die Nachricht mit, daß bei Bautzen eine große Schlacht stattgefunden habe; dann kam die Kunde von einem langen, langen Waffenstillstand.
Eines Tages im Juli hieß es plötzlich: »Kosaken kommen!« Und wirklich kam eine kleine Abteilung auf ihrem Marsche von Rußland nach dem Kriegsschauplatz durch; sie hatten sich von ihren Kameraden abgeteilt, um Lebensmittel aufzutreiben. Auf kleinen, flinken Pferden kamen sie angeritten, ganz Kloningken war auf den Beinen, und scheu starrten die Kinder die seltsamen Erscheinungen an. Die fremden Krieger machten gerade keinen besonders vertrauenswürdigen Eindruck. Sie waren klein, hatten struppige Haare und Bärte, und ihre Kleidung war zum Teil unsauber und unordentlich. Aber trotzdem jubelten ihnen die Leute zu, denn sie sollten ja helfen, dem Vaterland die Freiheit mitzuerringen. Brot, Speck, was man hatte, trug man ihnen freiwillig entgegen, und Luise, voller Begeisterung, brachte einen großen Strauß Zentifolien an, der von dem ersten Offizier lachend in Empfang genommen wurde. Als er sich aber vom Pferde herabneigte und Miene machte, Luise zu küssen, da bekam diese doch einen gewaltigen Schreck vor dem Mann mit den buschigen, schwarzen Brauen über den kleinen, tiefliegenden Augen. Sie versteckte sich hinter ihrem Vater, und sie wurde glühendrot bei dem rauhen Gelächter, das die Soldaten anstimmten. Dem Pfarrer gelang es, eine Art Unterhaltung mit dem Offizier zu führen, der einige französische Worte konnte. Stolz zeigte er auf seine Narben, die glühendrot in seinem gelblichen Gesicht brannten, und sagte: »Smolensk!«
Der Geistliche mußte an seine winterlichen Gäste denken. Bei Smolensk hatte der französische Kapitän sich seine schweren Wunden geholt. So war jeder in seiner Art ein Held gewesen, ein treuer Sohn seines Vaterlandes, vielleicht ein guter, ehrlicher Mensch. Sie hätten vielleicht in Frieden miteinander gelebt, wären Freunde geworden, wenn nicht der Wille eines ehrsüchtigen Eroberers sie gegeneinandergejagt hätte.