Auch an diesem hellen Frühlingstag dachte Frau Friederike an die Vergangenheit und sie merkte nichts von Renates wachsender Angst.
Aber plötzlich ließ Walter erschrocken sein Buch sinken und lauschte.
»Was war das nur?« Durch die Stille klang es wie ein fernes, dumpfes Gewitterbrausen, es war als erzitterte der Boden unter den Füßen. »Hörst du was, Renate?« flüsterte der Knabe.
Diese nickte beklommen und sah ängstlich zu ihrer Tante hin, auch Frau von Seeheim horchte mit erblaßtem Gesicht. »Hans-Heinrich,« murmelte sie erschrocken, denn in jeder Gefahr galt ihre erste Sorge dem Sohn.
Draußen erschallte auf einmal ein wildes Rufen und Schreien, man hörte Jungfer Karolines jammernde Stimme und jäh riß Hans-Heinrich die Tür auf und stürmte über die Schwelle. Ihm folgte weinend Luise mit dem kleinen Fritz.
»Sie kommen, Mutter, sie kommen,« schrie Hans-Heinrich, und seine grauen Augen blitzten in heftigem Zorn. »Hört ihr es denn nicht, wie es dröhnt, wir haben auf der Erde im Garten gelegen, da hört man es noch deutlicher. Vogt Schwarze sagt, vom Heuboden aus kann man sie kommen sehen, ich will rasch hinaus laufen!«
»Sie kommen, sie kommen,« tönte von draußen das Jammergeschrei, und einige Mägde stürzten verzweifelt in das Zimmer.
Frau Friederike griff entsetzt nach der Hand des Sohnes. »Du bleibst hier,« stieß sie hervor, »ihr Kinder dürft das Haus nicht verlassen.«
Ein rascher, fester Schritt kam draußen über den Flur und Pfarrer Flemming trat hastig ein. Sein freimütiges, kluges Gesicht trug den Ausdruck hoher Erregung, sein Anzug und seine Schuhe waren bestaubt und auf der Stirn perlten ihm große Schweißtropfen. »Ich komme von Schönheide,« sagte er, »ich habe mich so beeilt, um Sie, teure Freundin, vorzubereiten, die Franzosen kommen. Die Generale Regnier und Gouvion St. Cyr sind auf dem Durchmarsch, im Dorf ist bereits eine Abteilung eingetroffen, und sie verlangen Wagen und Pferde bis G., außerdem Lebensmittel. In wenig Minuten werden sie auch hier im Schloß sein.«