»Um hier zu hausen wie eine Räuberbande,« unterbrach ihn Frau Friederike empört. »Mögen sie alles fortschleppen, ihr aber, Kinder, geht in das blaue Zimmer hinauf, eure Augen sollen das französische Gesindel nicht sehen, das ich hasse, hasse wie –«
Der Pfarrer hatte die Hand der Frau ergriffen und sagte traurig: »Hassen ist ein furchtbares Wort, liebe Freundin. Wenn Sie auf diejenigen Ihren Haß werfen, die heute hier durchziehen, dann trifft es unsere eigenen Landsleute, denn diese Armee besteht aus Sachsen und Bayern. Die Leute sind Deutsche wie wir, auch kommen sie nicht als Feinde, unser König, den Gott erhalten möge, ist der Verbündete des Kaisers, wie die meisten deutschen Fürsten.«
»Deutsche, Deutsche,« murmelte Frau Friederike. »Deutsche an seinen Siegeswagen gespannt, o mein Gott, deine Hand ruht schwer auf uns!«
Von draußen erklang jetzt lautes Sprechen und starke Schritte klirrten auf dem Steinboden des Flurs. Man hörte Poltern und Schreien, Waffen rasselten und dazwischen tönte die ängstliche Stimme der Jungfer Karoline. Der Pfarrer öffnete schnell die Tür, und an ihm vorbei drängten sich zwei Offiziere in das Zimmer, während mehrere Soldaten draußen blieben. Der ältere der Offiziere trat auf Frau von Seeheim zu. Er war klein und seine blitzenden, dunkeln Augen, die gebräunte Gesichtsfarbe verrieten den Südländer. Er verneigte sich sehr höflich vor der Hausfrau und sagte mit einem liebenswürdigen Lächeln: »Madame, ick komme zu bitten für meine Soldaten, wir haben noch einen langen Weg, wir brauchen Wagen, Pferde, wir sein hungrik, wir wollen essen, verstehen, Madame?«
Als Frau von Seeheim schwieg und ihn finster ansah, fügte er ein wenig drohend hinzu: »Wir sind Freunde von Ihre Könik, Freunde, verstehen mir?«
»Ich verstehe schon, was an Vorräten vorhanden ist, können Sie erhalten!«
»O, Madame sind liebenswürdik,« sagte er verbindlich, »kann nix for Krieg, ist serr bös, ick verstehen!«
Der andere Offizier, ein junger hochgewachsener Mann, mit offenen Zügen, hellblondem Haar und freundlichen blauen Augen, hatte der Verhandlung wenig Aufmerksamkeit geschenkt, er war zu den Kindern getreten, die sich auf ihrem Platz am Fenster zusammengedrängt hatten, und richtete einige Fragen an sie. Seiner Sprache hörte man den Süddeutschen an und Walter dachte erbittert: »Er ist ein Deutscher!« Renate war die einzige, die Antwort gab. Fritz hatte ängstlich seinen Kopf in ihren Schoß geborgen, Hans-Heinrich und Walter aber setzten allen Fragen des Offiziers trotziges Schweigen entgegen; auch Luises sonst so beredter Plaudermund war geschlossen und scheu sah sie zu dem Offizier empor. »Wie ein richtiger Hasenfuß,« dachte Walter, der sich über die Schwester ärgerte, doch auch Renates ruhige Antworten empörten ihn, und er warf der Freundin einen zornigen Blick zu. Der Offizier merkte wohl den Zorn des Knaben, er lächelte ein wenig spöttisch und sagte mit leichter Neckerei: »Ei, ei, der junge Herr scheint eifersüchtig zu sein.«
Walter sah wohl, wie seines Vaters Augen mahnend auf ihm ruhten, aber er konnte nicht schweigen, heiße Glut stieg ihm ins Gesicht und seine Stimme klang fast rauh vor zorniger Erregung, als er erwiderte: »Ich bin ein Preuße und liebe mein Vaterland, soll ich lachen, wenn – wenn!« Er stockte und fügte dann leise aber fest hinzu: »Die Feinde im Lande sind.«