Renate war totenbleich geworden, sie preßte angstvoll die Hände zusammen, aber doch ruhten ihre Augen stolz auf dem Freund. Hans-Heinrich hatte sich straff emporgerichtet, und seine blauen Augen blitzten und flammten, beinahe hätte er Bravo gerufen.
Von dem Gesicht des Offiziers war das Lächeln geschwunden, er war blaß geworden. Einige Minuten sah er die Knaben fest an, nicht zornig, fast traurig war sein Blick. Dann wandte er sich ohne Gruß ab und schritt auf den Pfarrer zu: »Wer ist jener, mit dem dunkeln Haar?« forschte er.
»Mein Sohn,« gab der Gefragte ruhig zur Antwort.
»Tapferer Junge,« murmelte der Offizier. »Gott erhalte ihn, ich gratuliere zu solchem Sohn.« Er trat rasch, ohne eine Entgegnung abzuwarten, auf seinen Kameraden zu und drängte diesen beinahe schroff zur Eile. Nach wenigen Minuten verließen denn auch die beiden Offiziere das Haus, der Franzose mit höflichen Abschiedsworten, der Deutsche stumm und finster.
Frau von Seeheim aber ging in Vorratskammer und Keller, um die Wünsche der Offiziere zu erfüllen. Der alte Vogt ließ unter schweren Seufzern das Vieh aus den Ställen treiben und die Wagen anschirren. Nach kaum einer Stunde fuhr, von Soldaten eskortiert, ein hochbeladener Wagen nach dem andern von Gut und Dorf Kloningken aus nach der eine halbe Stunde entfernten Straße hin, auf der in endlosen Kolonnen die große Armee Kaiser Napoleons nach der russischen Grenze zog.
Die heimlichen Flüche der Männer, das laute schmerzvolle Klagen der Frauen folgte dem Heere. Das zog mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel dahin und die Waffen und Uniformen blitzten im Sonnenschein. Unabsehbar waren die langen Züge der Wagen und Kanonen, und manch einem ergrauten Krieger wurde das Herz schwer, wenn er die unzähligen Gepäckwagen sah, die das Fortkommen im feindlichen Lande sehr erschweren mußten. Die Landleute wurden gezwungen, mit ihren Pferden zu Hilfe zu kommen, sie mußten auch an Lebensmitteln geben, was sie nur auftreiben konnten. Es waren ja nicht Feinde, Freunde sollten es sein, die das Land durchzogen. Kaiser Napoleon hatte mit dem tiefgebeugten König von Preußen ein Bündnis geschlossen, und die noch zu zahlende Kriegsentschädigung der unglücklichen Jahre von 1806/07 war in Lieferungen von Schlachtvieh, Korn und anderen Lebensmitteln umgewandelt worden. Außerdem durften die durchziehenden Truppen noch Lebensmittel nach Bedarf einziehen.
»Als wäre, wie zu Moses Zeiten, ein Heuschreckenschwarm über das Land gezogen,« so klagte Vogt Schwarze in Kloningken bei seiner Heimkehr. Er ballte die Hände zur Faust, und über sein Gesicht liefen Tränen, die ersten vielleicht, die er seit dem Tode des jungen Herrn geweint hatte. »Seht, Jungfer Karoline,« sagte er zu dieser, »was einem geradezu das Herz im Leibe umdreht, das ist, daß so viele Deutsche dabei sind, Deutsch reden sie, Herrgott, möchten sie auch deutsch denken! Das wurmt mich, wünschen möchte man, daß sie alle drinnen in Rußland ihren Tod fänden; und dann erbarmt's einem wieder das Herz, wenn man an all das ehrliche, deutsche Blut denkt, das da vergossen wird, für was?«
Mit gebeugtem Haupt ging der alte Mann in seine Kammer, und vorsichtig verschloß er hinter sich die Türe. Aus seinem Bettsack wühlte er ein altes, etwas verrostetes Schwert heraus, damit hatte Anno 1758 sein Vater bei Zorndorf unter dem alten Fritz gefochten. Mit finsterer Miene wog der Vogt Erdmann Schwarze das Schwert in der Hand, und dreimal hieb er zu, daß es sausend die Luft durchschnitt, ja er konnte es noch führen. Dann faltete er seine harten Arbeitshände über dem Schwert zusammen und wie ein Schrei brach es aus seiner Brust: »Herr Gott, erbarme dich unserer Not!«