In jenen Tagen klang dieser Ruf aus Tausenden von Herzen angstvoll zum Himmel empor. Bis in den Herbst hinein dauerten die Durchzüge der Truppen, und bei dieser ungeheuren Masse von Soldaten wurde die Angst wach, was wird geschehen, wenn der Siegeszug in Rußland beendet ist, dann bewahre uns der Herr vor dem Übermut des Siegers! Traurig aber sahen die Landbewohner auf ihre zerstampften Felder, in ihre verödeten Ställe und leeren Vorratskammern, und sie dachten voll Sorge an den kommenden Winter.


3. Kapitel.
Eine kleine Heldin.

Die Sorge der Erwachsenen dämpfte auch die heitere Kinderlust etwas, immerhin gab es auch in diesem harten Sommer manche frohe Stunde für die Kinder in Kloningken. Die Winterangst lastete nicht allzu schwer auf ihnen, und namentlich Hans-Heinrich, Luise und Fritzel fanden immer neue Gründe zum Frohsein. Sacht wandelten sich die Sommertage in Herbsttage und der Wald begann in bunten Farben zu schimmern. Die schlanken Birken hatten ihr lichtgrünes Sommerkleid mit einem goldgleißenden Prachtgewand vertauscht, und im Sonnenschein sah der Wald aus wie der goldene Wald des Märchenlandes. In dem Kloningkener Garten standen die Obstbäume fruchtbeladen und Jungfer Karoline hatte es sehr eilig, den Vorrat von Obst in Sicherheit bringen zu lassen. Die Angst, es könnten neue Truppen kommen und die Bäume plündern, veranlaßte sie, mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften die Obsternte zu halten. Sogar Vogt Schwarze half mit, er tat dies freilich etwas widerwillig und er brummelte genug dabei, denn er dachte an die verwüsteten Felder, die in diesem Sommer wenig genug Korn geliefert hatten.

An einem schönen warmen Oktobertag saßen Renate und Luise unter einem breitästigen Apfelbaum und Renate war eifrig damit beschäftigt, Obst zu schälen, das zum Winterbedarf getrocknet werden sollte. Luise hatte auch ein Messer in der Hand, aber statt zu schälen, biß sie soeben mit ihren weißen Zähnen in einen großen, rotbäckigen Apfel; »wirklich, Renate, er ist zu gut, um ihn zu trocknen,« versicherte sie. Renate lachte, »ich glaube Luise, du hast schon etliche gefunden, die sich besser zum Essen eignen, wenn du dich nicht eilst, werden wir bis zum Vesperbrot nicht fertig mit unserer Arbeit.«

Seufzend begann Luise nun einen Apfel zu schälen, als sie den zweiten ergriff, seufzte sie tiefer, beim dritten aber sank ihr das Messer aus der Hand und sie klagte halb lachend, halb traurig: »Ich weiß gar nicht, wie das kommt, Renate, dir fliegt jede Arbeit von der Hand, du bist darin gerade wie meine Mutter, wenn die nur etwas anschaut, so ist es schon fertig, aber mir gelingt nichts ordentlich. Nun sieh nur einmal, du kannst jeden Apfel schälen, daß seine Schale ganz bleibt, während es bei mir lauter kleine Stücke werden, es ist zum Verzagen, wenn man so ungeschickt ist.« Ein Weilchen schälte sie wieder eifrig, dann sprang sie plötzlich auf und rief stolz: »Da, jetzt habe ich auch eine Schale ordentlich lang bekommen. Sieh nur wie fein! Nun werde ich das Orakel fragen, wie mein künftiger Gemahl heißt.«

Sie trat einige Schritte vor und warf lachend die Schale hinter sich, dann drehte sie sich blitzschnell um, und o weh – die Schale baumelte an einem Strauch.

Renate rief mit schelmischer Neckerei: »Keinen Mann bekommst du, wer wird auch solchen kleinen Quirl zum Weibe nehmen!«