Luise war rot geworden, sie setzte sich schweigend wieder an ihre Arbeit. »Bist du böse, weil ich dich neckte?« Renate bog sich vor und sah forschend in das traurige Gesichtchen der kleinen Freundin.

Die schüttelte betrübt den Kopf. »Böse? Ach nein, ich bin nur schrecklich traurig, weil ich so dumm und ungeschickt bin. Ach, Renate, ich wollte, ich wäre wenigstens auch eine Johanna von Orleans, wie in dem schönen Buch des Herrn Schiller, das uns Vater neulich vorgelesen hat. Ich wollte, ich könnte auch so im Kampf voranziehen. Du lieber Himmel, denke doch nur, Renate, wie wundervoll das wäre, wenn ich auch mit einem goldenen Helm auf dem Kopfe ankäme und sagte: ›Jetzt ziehe ich in den Krieg!‹ Nachher würde ich in Berlin einziehen und vor den König hintreten und sagen: ›Gnädiger Herr König, ich habe den Bonaparte gefangen genommen und alle Franzosen fortgejagt!‹ Hurra, das wäre mal was!«

Luise war aufgesprungen. Die Äpfel, die sie auf dem Schoß gehabt hatte, kollerten auf die Erde, und in ihrem Eifer warf die Kleine noch einen gefüllten Obstkorb um. Sie achtete gar nicht darauf, sie stand mit blitzenden Augen vor der Freundin und schrie: »Sieh, Renate, so würde ich es machen!« Sie schwang in der erhobenen Hand drohend das Obstmesser und rief laut: »Hurra, hurra, nieder mit den Feinden!«

»Bravo, bravo! Johanna von Kloningken!« rief da plötzlich eine freundliche Stimme. Über den Gartenzaun blickte ein Reiter, der hatte anscheinend die Mädchen schon lange beobachtet und er lachte nun laut und herzlich über Luises kühne Haltung. »Sieh, sieh, was das Mariellchen für ein Sprudelkopf ist, recht kriegerische Ansichten hat sie für ein Pfarrtöchterlein!«

Luise war glühend rot geworden, sie vergaß ganz, den Reiter zu begrüßen, Renate jedoch in ihrer ruhigen Art verbeugte sich mit zierlichem Anstand und sagte: »Die Frau Tante ist im roten Zimmer, darf ich vielleicht Ihr Kommen melden, lieber Onkel?«

Freiherr Franz von Seeheim auf Schönheide, ein Vetter Frau Friederikes, reichte ihr über den Zaun herüber die Hand; »laßt euch nicht stören, Mariellchens, ich reite durch den Hof und werde meine Base schon finden!« Er trieb sein Pferd an und nickte noch einmal zu Luise hin. Diese stand verlegen und kämpfte mit den Tränen der Scham, und Renate mußte sie erst liebevoll trösten, ehe sie sich endlich wieder zu ihrer Arbeit hinsetzte. Sie blieb nun wirklich einige Zeit dabei, freilich, so viele Äpfel sie schälte, so viele Seufzer gab es auch. Als Jungfer Karoline nach einer Weile nachsehen kam, da sagte sie unzufrieden: »Vor eine künftige Hausfrau möchte ich dich noch nicht regardieren, Luise. Ein Mädchen, das Äpfel schält, als hätte sie mit 'nem Pflug die Schalen abgerippelt, das hat noch nicht die Qualitäten vor die Hausfrauenschaft!«

Luise kicherte, trotz dieses vernichtenden Urteils, und Jungfer Karoline bekam, sie wußte nicht wie ihr geschah, einen Kuß. Da war sie rasch versöhnt, und sie selbst tröstete: »Was nicht ist, kann noch werden, und mit die Tüchtigkeit ist das so, die kommt manchmal wie'n Donnerwetter im Sommer!«

Frau Friederike saß in ihrem Arbeitszimmer an ihrem Schreibpult und rechnete. Das Gemach, in dem sie sich befand, war mit altertümlich geschnitzten Möbeln angefüllt, die Einrichtung stammte noch aus Frau Friederikes Elternhause in Pommern; nicht recht zu dieser massigen, gediegenen Pracht einer vergangenen Zeit paßten die Ölbilder, die an den Wänden hingen und die einige Herren und Damen in der koketten, zierlichen Tracht des verflossenen Jahrhunderts darstellten. Auf dem Gesicht der Frau lag ein müder, sorgenvoller Ausdruck, und sie schrak aus schwerem Sinnen empor, als draußen ein kräftiger Schritt erklang. Ein kurzes Klopfen, und Herr von Seeheim trat in das Zimmer.