Die Hausfrau schob ihre Papiere zusammen und begrüßte freundlich den eintretenden Vetter. »Hoffentlich zürnt mir meine liebe Base nicht,« sagte dieser, auf seine hohen, mit Schlamm bespritzten Reiterstiefel weisend, »daß ich so das Boudoir einer Dame betrete. Aber, wäre ich ohne einen Gruß von Kloningken heimgekommen, dann hätte ich vielleicht Schelte von meiner Eheliebsten erhalten.«
Friederike lächelte, »ich wußte gar nicht, Vetter, daß du so unter Henriettes Pantoffel stehst; doch wie geht es daheim?« Herr von Seeheim berichtete allerlei aus dem täglichen Leben, »es geht eben, wie es in solchen Zeiten gehen kann,« sagte er, während sein Gesicht sich verdüsterte. »Mein Viehstand ist jämmerlich, und die Felder, die an der Straße liegen, haben keine Ernte gegeben. Aber meinen Bauern ist es nicht besser gegangen, und ich habe vergeblich Beschwerde erhoben, weil man uns einen Teil der Zugtiere, die wir zum Transport stellen mußten, nicht zurückgegeben hat, aber das ver–. Na, ich will lieber nicht fluchen, so gut Henriette ist, dies mag sie doch zu wenig, also, das französische Gesindel kümmert sich nicht im geringsten um unsere Klagen, und unser armer König ist so machtlos wie wir.«
»Hat man Botschaft, Vetter, wie es in Rußland geht, sind wieder Siegesnachrichten eingetroffen?«
Franz von Seeheim bog sich ein wenig vor und dämpfte seine markige Stimme, »die Zeitungen berichten weiter von glänzenden Siegen, sie schreiben, der Zug der großen Armee wäre einem Triumphzug zu vergleichen. Heute früh aber war der alte Levin Moses bei mir, du kennst ihn, er kauft immer die Felle auf und ist bald hier, bald drüben in Rußland. Ich denke mir, er kennt einen Weg über die Grenze, den nicht viele wissen. Kurz, jetzt ist er wieder hier, so recht wollte er ja nicht mit der Sprache heraus, aber als ich ihm versprochen habe, so wenig wie möglich davon zu reden, da hat er mir denn allerlei erzählt. Die Siege, die gemeldet werden, sollen gar nicht immer rechte Siege sein, bei Borodino hätten sich die Russen so heldenmütig geschlagen, daß man kaum von einem Siege sprechen könnte. Und die Russen sollen auch nicht daran zweifeln, daß es ihnen gelingen wird, die feindliche Armee zu vernichten.«
Die Frau hatte atemlos gelauscht, ihre Hände schlangen sich krampfhaft ineinander, »wenn es wahr wäre, wenn es wahr wäre, dann wäre es die gerechte Vergeltung,« murmelte sie.
Herr von Seeheim nickte; »ja, wenn es wahr wäre, wenn wir hoffen dürften in unserer Not, hoffen auf eine kommende Zeit. Mein Haar fängt an zu bleichen, meine Hände sind schwer und hart, aber bei Gott, noch können sie eine Waffe führen, und wenn mein König rufen würde, Franz von Seeheim bleibt nicht hinter dem Ofen hocken!«
»Und dein Weib, deine Kinder?«
»Sie würden mich ziehen lassen, Friederike,« gab er zur Antwort, er sah die Frau fest an. »Henriette ist ein tapferes Weib, sie weiß, was sie ihrem Vaterland schuldig ist, sie würde nicht klagen, und meine drei Mädels denken wie sie.«
»Sie haben auch noch nichts verloren,« sagte Frau Friederike müde.
Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen in dem Zimmer, dann sagte Franz von Seeheim, sich zu einem heiteren Tone zwingend: »Es ist eine tapfere Jugend die heranwächst, sogar die Mädels träumen von Krieg.« Und lachend erzählte er von seinem Erlebnis am Gartenzaun, wie Luise Flemming kühn das Obstmesser geschwungen hatte.