Hans Rumpf drehte sich eilig rundum, er sah rechts und links, sah in die Luft, auf die Erde, legte den Finger an die Nase und sagte endlich bedächtig: »Die haben's alle verschlafen!«

Der Wirt lachte. »Dank schön für die Auskunft, die is mächtig klug. Hüh hott, wir woll'n bißchen rascher fahren!«

Die Pferde trabten davon, und der Nachtwächter sah dem Wagen stolz nach. Ja freilich, er war mächtig klug; es ist schon was, herauszukriegen, daß es die Buben und Mädel verschlafen haben, wenn sie nicht zur rechten Zeit auf der Dorfstraße sind!

Verschlafen hatten Friedes Freunde und Freundinnen das große Ereignis aber doch nicht, sondern sie waren alle putzmunter. Ganz leise und heimlich hatten sie sich wecken lassen, und ebenso leise und heimlich hatten sie sich aus den Häusern geschlichen, denn sie hatten sich miteinander eine Überraschung ausgedacht. Überraschungen fanden die Oberheudorfer Buben und Mädel immer sehr fein, wenn auch leider oft die Erwachsenen der Meinung waren, diese oder jene Überraschung wäre gar nicht so fein gewesen. Diesmal hatte Schulzes Jakob und der dicke Friede es gesagt, man müsse Traumfriede noch einen ganz besonders schönen Abschied bereiten. Natürlich waren alle Kinder einverstanden gewesen und waren sehr heimlich dabei zu Werke gegangen. Selbst Schuster Pechdraht, der doch sonst die Mäuslein pfeifen und das Gras wachsen hörte, hatte nichts gemerkt.

Dem Traumfriede war es eigentlich ganz recht, als er niemand sah, von dem er noch einmal Abschied nehmen mußte. Ihm kam es doch recht schwer an, daß er nun die Heimat verlassen mußte. Den ganzen Winter hatte er fleißig gelernt beim Herrn Pfarrer und in der Schule und immer gedacht, es würde wunderschön sein, wenn er erst in der Stadt auf das Gymnasium gehen könnte. Nun auf einmal dachte er mit heimlicher Angst und Bangigkeit an die fremde Stadt, in der er außer dem Doktor, den er einst zu Muhme Lenelies geholt hatte, niemand kannte, niemand unter den vielen, vielen Menschen. Feldburg war zwar keine große Stadt. Wer in Berlin wohnte, sagte wohl: »Ach, so ein Nest!« dem Oberheudorfer Buben erschien diese kleine Stadt aber doch groß, fremd und ein wenig unheimlich.

Schon war das letzte Haus von Oberheudorf erreicht, und Friede drehte sich gerade noch einmal um und schaute hinüber nach dem Häuschen der Pflegemutter, als ganz jäh aus dem Straßengraben lauter dunkle Gestalten aufsprangen. Von rechts und links tauchten sie auf, und plötzlich erhob sich ein wildes Geschrei. Kaspar auf dem Berge, der noch etwas verschlafen war, schrak auf seinem Bock zusammen und wußte gar nicht, ob er wachte oder träumte. Aber mehr noch als er erschraken seine beiden braunen Pferde; denen kam die ganze Sache höchst unheimlich vor, und da Ausreißen ihnen in solchen Fällen gut und nützlich erschien, rissen sie eben aus.

Heidi ging es wie die wilde Jagd davon. Kaspar auf dem Wege schrie laut: »Halt, halt, halt!« und Friede umklammerte angstvoll seine kleine Reisetasche, die seine wenigen Habseligkeiten enthielt.

Es ging bergab in wildem Galopp. Einmal schwankte der Wagen nach rechts, einmal nach links; ein Stein kam, hopp flog der Wagen hoch, nun kam ein Loch im Wege, und plumps fiel Friede mit der Nase vornüber. Die Sache wäre vielleicht schlimm ausgegangen, wenn der Weg statt bergab zur Abwechslung nicht einmal bergauf gelaufen wäre. Da wurde den Pferden das Ausreißen zu beschwerlich, und sie blieben einfach stehen und ruhten sich etwas aus.

»Potzhundert noch mal, diese Rasselbande!« schalt Kaspar auf dem Berge wütend. Er kletterte vom Bock und brachte das verwirrte Geschirr in Ordnung; dabei sah er Friede ingrimmig an und schrie: »Mit der Rasselbande meine ich deine lieben Kameraden, Musjeh! Nä, sag mir mal, was haben die vor Tau und Tag im Straßengraben zu sitzen und so'n Geschrei zu machen?«