»Ich weiß doch nicht,« stammelte Friede, der noch ganz verdattert war, »aber ich glaub' – – ich glaub', das sollte zum Abschied für mich sein.«

»Wa–as?« Der Wirt sah den Buben groß an, dann brach er in ein dröhnendes Lachen aus. »Is gut, is sehr gut, nä wirklich, wenn's auf die Dummheiten ankommt, dann stehen unsere Mädel und Buben immer an erster Stelle. 'n bißchen geschwind ist das ja nun man mit dem Abschied gegangen, und ich gäb' was drum, wenn ich die dummen Gesichter sehen könnte, mit denen sie jetzt im Straßengraben sitzen. Na, nu hüh hott, jetzt woll'n wir mal 'n bißchen langsamer nach der Stadt fahren.«

Die Oberheudorfer Buben und Mädel saßen inzwischen wirklich mit reichlich dummen Gesichtern im Straßengraben. Sie hatten sich die Geschichte aber doch so wunderschön ausgedacht! Mit Gesang hatten sie Traumfriede ein Stück begleiten wollen und hatten gemeint, der würde glückselig sein vor Überraschung, wenn sie alle aus dem Graben sprängen. Sie hatten sich dazu in zwei Hälften geteilt, in die rechten und in die linken Straßengräbler; vorher hatten sie es aber leider vergessen, sich das Lied zu sagen, das sie singen wollten. So fingen die von rechts mit: »Heil dir im Siegerkranz –« an und die von links mit: »Das Wandern ist des Müllers Lust.« Das stimmte nicht gut zusammen, und weil ein paar Buben, die nicht singen konnten, noch hurra dazwischen brüllten, klang der Gesang schon etwas wüst, und es war Kaspars Braunen nicht übel zu nehmen, daß sie lieber ausrissen, anstatt zuzuhören.

»So'ne albernen Pferde,« brummte Heine Peterle wütend. Annchen Amsee und Waldbauers Mariandel heulten aber plötzlich laut los: »Friede fällt runter, und denn ist er tot, huhuhu!«

»Huhuhu, huhuhu,« heulten ein paar andere Mädel mit. Die Buben schalten, das wäre Unsinn, aber ganz wohl war ihnen auch nicht zumute, und zuletzt zogen alle zusammen heulend und schreiend in das morgenstille Dorf hinein.

Da gab es nun eine Aufregung! Jene, die an diesem Morgen noch schliefen, wurden unsanft geweckt, und der Ruf: »Kaspar auf dem Berge ist mit seinem Wagen verunglückt,« verbreitete sich rasch im Dorf. Die Besonnenen meinten freilich, es würde wohl nicht so schlimm sein, und der Wirt käme schon mit seinen Pferden zurecht, aber sie riefen doch, man müsse ihm jemand nachschicken. Der Schulze gab in aller Eile seinem Jakob einen Katzenkopf: »Dummer Junge, was stellt ihr aber auch immer an!«

Der Schulze und der Schnipfelbauer ritten wirklich dem Wirt nach. Ein Viertelstündchen hinter dem Dorf aber trafen sie den Waldwärter Leberecht Sperling, der ihnen erzählte, Kaspar auf dem Berge sei ganz vergnügt an ihm vorbeigefahren. Da kehrten die beiden Helfer um, und man freute sich im Dorf, daß kein Unglück geschehen war. Weil die Kinder inzwischen aber so viele drohende »Nachhers« und »Wartenur« gehört hatten, machten sie es nun den Pferden des Gastwirts nach und rissen auch aus. Hui! waren sie weg, dorthin und dahin gelaufen, bis die Schulglocke ertönte – denn in Oberheudorf waren die Osterferien kürzer als in der Stadt –, und Hans Rumpf, der Nachtwächter, wieder mal sagen konnte: »Na, endlich sind sie wieder untergebracht; so'ne Schule ist doch was Gutes, namentlich wenn die Kinder erst drin sind!«

Muhme Lenelies hatte von allem Lärm und Geschrei nichts vernommen. Sie saß still in ihrem etwas abseits liegenden Häuschen, und ihre guten, sorgenden Gedanken gingen ihrem Pflegesohn nach: jetzt war er da, jetzt fuhr er durch den Wald, nun wohl den Hohlweg entlang, und als ihre Uhr die Stunde anzeigte, da vor den Reisenden das Städtchen aufsteigen mußte, sagte die alte Frau still und fromm vor sich hin: »Gottes Segen mit dir, mein Herzensjunge!«