Während alle drei schmausten, redete das Füchslein wieder von dem Oberheudorfer Jungen. In dem Hause der Sonntags – es war ein altes, wohlhabendes Kaufmannshaus – diente ein Mädchen, das aus Berenbach bei Oberheudorf stammte. Diese Katerliese – sie hieß Katharina Luise und wurde von den Kindern einfach Katerliese genannt – hatte viel von dem freundlichen Dorf erzählt, von den Bergen, Wäldern und Tälern der Heimat; ihrer Meinung nach gab es nichts Schöneres auf der Welt als Berenbach und Oberheudorf. Sie pflegte zu sagen: »Die Oberheudorfer sind was Besonderes; was wo anders eine Dummheit ist, wird bei ihnen eine lustige Geschichte.«
»Katerliese sagt,« begann Marianne gerade wieder zwischen Kauen und Schlucken, »in Oberheudorf – –«
»Nun sei schon damit still,« schrie Jobst von Hellfeld plötzlich, »du redest immer nur von Oberheudorf, und wie es meinen Kaninchen geht, danach fragst du nicht.«
Das Füchslein lachte, schlang den Arm um den Freund und sagte neckend: »Tu doch nicht so, bist ja auch neugierig; aber erzähl', ist der neue Stall schon fertig?«
Während die Kinder draußen auf der Kirchentreppe im Sonnenschein saßen und von den Kaninchen, Ullis Schildkröten, Oberheudorf und der Schule, die am Mittwoch beginnen sollte, plauderten, saß drinnen Herr Wunderlich an seiner Orgel und spielte leise; nur mit halben Gedanken war er beim Spiel. Dem freundlichen alten Manne war das Herz ein bißchen schwer. Als sein Verwandter, der Lehrer von Oberheudorf, ihn gefragt, ob er wohl für einige Zeit einen Buben in sein Haus aufnehmen wollte, hatte er gleich zugesagt. Was er von diesem Friede hörte, gefiel ihm sehr; er dachte, der würde ein recht guter, kleiner Hausgenosse sein. Ein braver, fleißiger Junge sollte dieser Friede sein, ein armes Waisenkind, dem sie im Dorf alle herzlich die Freistelle am Gymnasium in Feldburg gönnten, ihm und seiner braven Pflegemutter. So gern Herr Wunderlich ja gesagt hatte, so ungern tat es nachher seine Schwester; die seufzte von früh bis abends: »Der Junge wird uns eine rechte Last sein.«
Hörte sie jetzt von einer Bubendummheit, dann sagte sie gewiß: »So was wird der Friede auch anstellen!« Kamen mit Lärm und Geschrei die Gymnasiasten über den Johannesplan, dann seufzte sie: »Bald wird in unserem Haus auch solcher Lärm sein!«
Das Fräulein war eigentlich nicht böse, nur sehr heftig und leicht erzürnt, auch wollte sie immer recht behalten. Weil sie nun von Anfang an gesagt hatte, ein Bube passe nicht in ihr stilles Haus, darum sagte sie das jetzt täglich, früh, mittags und abends. »Hoffentlich geht es gut aus,« seufzte Herr Wunderlich an seiner Orgel. »Ich wollte beinahe, der Junge bliebe in Oberheudorf.«